Kommentar Toshiba und die japanische Misere

Heinz Arnold
Chefredakteur   •  HArnold@markt-technik.de
Heinz Arnold, Chefredakteur

Es kracht zwischen Toshiba und Western Digital. Doch selbst wenn sich die Streithähne zusammenraufen sollten: Der Fall zeigt, dass Japan immer noch ein Problem hat.

Weit über zehn Jahre hat Toshiba mit SanDisk einvernehmlich und erfolgreich zusammengearbeitet, um die neusten NAND-Flash-Speicher-ICs zu entwickeln. Das hat also ganz gut funktioniert. Bis Western Digital SanDisk im Mai vergangenen Jahres übernommen hat und damit das Joint Venture zwischen Toshiba und SanDisk.

Was jetzt ein hochrangiger Mitarbeiter von Toshiba gegenüber der Japan Times verlauten ließ, klingt ernüchternd: Die Erfahrungen mit dem Management von Western Digital über das vergangene Jahr seien »nicht gut« gewesen. Wenn ein japanisches Unternehmen so etwas lanciert, sind die Umstände mit Sicherheit ungewöhnlich.

Ungewöhnlich dürfte sogar noch untertrieben sein. Denn mit Toshiba steht ein 1875 gegründeter Gigant der japanischen Industrie vor dem Abgrund, und zwar ser nah. Rund 4,7 Milliarden Dollar negatives Eigenkapital, 8 Milliarden Dollar Schulden in diesem Jahr. Sämtliche Alarmglocken klingeln. Das Tafelsilber soll veräußert werden, einiges ging schon über die Resterampe, darunter das Medizintechnik-Geschäft für 6 Mrd. Dollar – an Canon, immerhin blieb es japanisch. Dass die Haushaltsgeräte bei einem Chinesen landeten? Peanuts. Das dürfte auch für die in der Schweiz ansässige Tochter Landis + Gyr gelten. Die über 2 Mrd. Dollar, die vom Verkauf zu erwarten sind, spielen im Zahlenpoker um zig Milliarden keine Rolle. Sogar die rund 2,5 Mrd. Dollar, von denen jetzt duie Rede ist, dürften kaum ins Gewicht fallen.

Denn gerettet wäre Toshiba, wenn die gut laufende NAND-Flash-Speichersparte verkauft wird. Allerdings nicht irgendwann, sondern sofort. Leider sprechen zwei Dinge gegen einen schnellen Verkauf: Western Digital und ausländische Mehrheitseigner. Denn erstens will die japanische Regierung, die Industrie und die Finanzwelt den fast letzten erfolgreichen Vertreter der einst blühenden Halbleiterindustrie nicht an ein ausländisches Unternehmen verkaufen. Zweitens grätscht Western Digital dazwischen.

Im Hintergrund aber scheint die alte, schon tot geglaubte »Japan Inc.« unter dem Namen »Innovation Network of Japan (kurz »INC Japan«, ein Anagramm?) und die Development Bank of Japan in Aktion zu treten. Wenn aus dem bevorzugten Bündnis unter Führung der beiden Institutionen nun nichts wird, vielleicht könnten sie doch in ein konkurrierendes Konsortium eintreten? Vielleicht könnte dann Western Digital doch irgendwie mit dabei sein? Nach der letzten Wendung, dass nämlich Toshiba jetzt wieder mit den Konsortien um Foxconn und Western Digital spricht, weil der Verkauf an das bevorzugte Komnsortium doch nicht so einfach ist, wäre ja wieder alles möglich.

Wir dürfen also gespannt sein, wie das Toshiba-Management mit dieser delikaten Situation umgeht. Bisher ging es mit dem Fall wenig souverän um. Das nahm schon mit dem bisher nicht bewältigten Bilanzskandal im Jahr 2015 seinen Anfang. Die Westinghouse-Pleite ließ die Konturen der inhärenten Probleme nur noch schärfer hervortreten. Das Management hechelt den Ereignissen hinterher.

Leider ist das nicht nur bei Toshiba so. Weit verbrietet ist immer noch die Ringi-Mentalität. Sie verzögert Entscheidungen – Gift nicht nur für Toshiba in der jetzigen prekären Situation, sondern für die japanische Industrie im globalen Wettbewerb insgesamt. Da hilft auch nicht, viel Staatsgeld ins Schwarze Loch zu pumpen.

Die Japan Inc. schmort nach wie vor im eigenen Saft. Geändert hat sich wenig seit Olympus-Chef Michael Woodford 2014 rausgeschmissen wurde, weil er einen Skandal aufgedeckt hatte. Interne Reinigungen nach dem Motto »Wasch mich, aber mach mir den Pelz nicht nass« werden nicht ausreichen. Welche Branche wird wohl als nächstes in den Sog gezogen?  

P. S.: Das Buch von Michael Woodford lautet „Enthüllung. Kaltgestellt. Gejagt. Bedroht.“ Es liest sich als ob sich ein Bestsellerautor mal wieder so richtig ausgetobt hätte.