Kommentar Sommeratempause bei der Aufholjagd

Engelbert Hopf, Chefreporter Markt&Technik

Im August hat der Wachstumsmotor ein Verschnaufpäuschen eingelegt, aber nur ein kleines! So legten die Aufträge der deutschen Elektroindustrie im Juli um 28 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu, und der ZVEI hat inzwischen seine Wachstumsprognose für 2010 von ursprünglich 5 auf 8 Prozent erhöht.

Noch deutlicher ist der Wandel gegenüber dem Krisenjahr 2009 im Maschinenbau zu beobachten: Dort hat der VDMA seine Produktionsprognose für das laufende Jahr glatt verdoppelt! Nach den dramatischen Einbrüchen des Vorjahres rechnet die Branche für 2010 mit einem Produktionsplus von 6 Prozent. »Die Konjunktur hat sich wesentlich besser entwickelt, als wir das noch vor Jahresfrist erwartet haben«, freut sich Hannes Hesse, Hauptgeschäftsführer des VDMA.

»Wenn das jetzige Tempo anhält, dürfte 2010 bereits ein Drittel des letztjährigen Verlustes aufgeholt sein«, freut sich auch Dr. Klaus Mittelbach, Vorsitzender der ZVEI-Geschäftsführung. Nachdem der Branchenumsatz 2009 um ein Fünftel von 182 Mrd. auf 145 Mrd. Euro gesunken war, nähert er sich nun wieder der Marke von 160 Mrd. Euro. Die vollständige Rückkehr auf das Vorkrisen-Niveau scheint also schneller möglich zu sein, als die Experten bislang angenommen hatten.

Und welche Impulse treiben diese Aufholjagd? Die Anforderungen an mehr Energieeffizienz, das Thema Elektromobilität, intelligente Stromnetze, der Bedarf an moderner Infrastruktur, der Einsatz der Medizintechnik angesichts einer alternden Bevölkerung sowie die Ausbreitung der Elektrotechnik und Elektronik in fast allen Lebensbereichen; iPad lässt grüßen.

Ein Schelm, der nun denkt, das seien aber genau dieselben Mega-Märkte wie vor der Krise. Warum sollten sie auch plötzlich verschwunden sein? Warum boomt das Premium-Segment der Automobilbranche wie nie zuvor, und warum ist das Thema verbrauchsfreundlicher Kleinwagen in der Prioritätenliste wieder deutlich nach hinten gerutscht? Weil Menschen in neuen, ihnen nicht vertrauten Situationen oft zu Extremreaktionen neigen. Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt – diese Achterbahn der Gefühle ist nicht nur ein deutsches Phänomen. Kontinuität zahlt sich darum aus, und so kommen auch die am besten aus der Krise, die auch Angesichts des Einbruchs 2008/09 nicht alles zurückgefahren haben.

Irgendwie scheint das der mittelständisch geprägten Elektronikbranche und der Gesamtwirtschaft ganz gut gelungen zu sein, denn anders ist es wohl kaum zu erklären, dass die EU-Kommission ihre Wachstumsprognose für Deutschland radikal nach oben geschraubt hat: von 1,2 Prozent auf nun 3,4 Prozent. Eine Verdreifachung in nur vier Monaten dürfte innerhalb der EU sicher seinesgleichen suchen. Zweiter Wachstumsmotor in Europa ist übrigens Polen, dem die EU-Experten ebenfalls ein Wachstum von 3,4 Prozent prognostizieren.

Kein Wunder also, dass nach Angaben des ZVEI derzeit nur 6 Prozent der deutschen Elektro- und Elektronikunternehmen mit rückläufigen Geschäften im nächsten halben Jahr rechnen. Der Geschäftsklima-Index lag im August so hoch wie seit dem Sommer 2007 nicht mehr.

Ihr Engelbert Hopf