Kolumne Schleimbeutel küsst Asphalt

Matthäus Hose, Verlagsleiter der Weka Fachmedien.
Matthäus Hose, Verlagsleiter der Weka Fachmedien.

Neulich habe ich unserem Sohn mal gezeigt wie man so richtig Skateboard fährt. Kawumm, Schleimbeutel geplatzt – ein echtes Handicap in unserer Ellbogengesellschaft. Ab zum Onkel Doktor.

Sssss-klack tönt der automatische Türöffner und schon stehe ich vor der sitzenden Sprechstundenaushilfe. »Bitte nehmen Sie noch kurz im Wartezimmer Platz«. Dort mache ich es wie der Arzt – ich lasse mich nieder. Mit einem enthusiastischen »Moagähn« begrüße ich die Umhersitzenden, die irgendwas zurückbrummeln, das sich so anhört wie die Lungenflügel eines Grizzly-Bären mit bösem Bronchialasthma. Vorbei die Zeiten als private Premiumpatienten noch hurtig an der pflichtversicherten Plebs vorbeigewunken wurden – ohne Warteminute direkt zum Jünger des Äskulap. Die Demokratie-Bewegung macht auch vor diesem Wartezimmer nicht halt – auch ohne eigene facebook-Site. Ich nehme auf dem dunkelbraun-karierten Wartestuhl Modell „Mikrobe 2000“ Platz. Drei Gruppen von Patienten sitzen Montagmorgens beim Arzt. Manche wollen nur schnell einen gelben Schein, die einen wollen die anderen auch noch schnell anstecken und die anderen sind wirklich krank und könnten einem fast ein bisschen Leid tun – wie ich.

Nachdem ich den Pollenflugkalender (Kreuzallergie?) an der Wand auswendig gelernt habe, lesezirkelt mein Blick auf den Zeitschriftenstapel. Durchsetzungsstark und unternehmensorientiert greife ich zur Capital. Obwohl mich ehrlich gesagt die Gala mehr interessieren würde, weil ich ahne, dass sich Seal und Heidi doch noch lieben. Aber echte Männer lesen keine Gala, und schon gar keine Halbhelden mit geplatztem Schleimbeutel. »Nein, es tut nicht so weh, geht schon, muss ja irgendwie, Seufzächzstöhnwinsel.«

Warum die anderen wohl hier rumlungern? Hüstelhüstel. Der neben mir macht bestimmt blau: Das passt zu einem, der aussieht wie der Schatzmeister vom Bundesverband Deutscher Punkrocker. Er hat sicher eine wilde Jugend hinter sich, so mit Weißweinschorle beim Pfadfinderausflug und so. Die 107-jährige Oma (»Isch hab Knie und Rücken«) tauscht mit ihrer Nachbarin, einem 92-jährigen Jungspund, Krankheiten aus wie Lafer und Schuhbeck Kochrezepte. Ich krieg auch schon so ein Ziehen und Zwicken überall. Nach 56 Minuten (falsche Kasse?) und kurz bevor die Stimmung im Wartezimmer (Räusper, Räusper) überkocht, bin ich endlich dran: Kurzer Smalltalk mit dem Arzt: »Wissen Sie, ich war früher Proktologe, aber irgendwann hatte ich einfach keinen Bock mehr auf den ganzen Scheiß.« Während ich noch überlege, ob für Fäkalsprache der rechte Ort und die rechte Zeit ist, geht der Routinier ans Werk. Arm frei – Spritze rein – Plaster drauf – Wiederschauen.

Ihr Matthäus Hose