Meinung Organisationen und Katastrophen

Die Toten in Folge der Massenpanik auf der Love Parade in Duisburg haben uns alle erschüttert. Wer in der Elektronikindustrie arbeitet, der fragt sich natürlich gleich, warum nicht zumindest einfache und relativ billige Geräte zum Einsatz kamen, die es zumindest erlaubt hätten, eine sich anbahnende Katastrophe zu erkennen und vielleicht noch abwenden zu können.

Doch noch unter dem Eindruck der Katastrophe sofort zu suchen, ob man nicht ein paar Schuldige findet, um dann beruhigt zur Tagesordnung überzugehen – kann das die richtige Strategie sein? Kann es damit getan sein, ein paar Sündenböcke in die Wüste zu schicken?

Vielleicht wäre es hilfreich, ganz unaufgeregt und vorurteilslos einen Blick darauf zu werfen, wie in großen Organisationen Entscheidungsprozesse ablaufen und unter welchen Umständen sie zu unerwünschten Ergebnissen führen. Unerwünschte Ergebnisse gab es über die letzten Jahre durchaus zu beklagen. Um nur einige herauszugreifen: die ständige Verschiebung von Toll Collect, der digitale Polizeifunk, A380, Dreamliner, BP. Auch außerhalb der Technik gibt es unerwünschte Ergebnisse, man denke nur an die Bankenkrise und die Vertuschungsskandale in den Kirchen und anderen sozialen Einrichtungen.

Auch wenn die Beispiele aus ganz unterschiedlichen Umfeldern gewählt sind und jeweils ihre eigenen speziellen Ursachen haben mögen, so gibt es doch auch Gemeinsamkeiten.

In all den Fällen war es nämlich nicht so, dass in den Organisationen das Wissen darüber gefehlt hätte, dass etwas in Gefahr ist, schief zu laufen. Das Wissen durfte nur nicht weitergegeben werden, zumindest nicht in vollem Umfang. Von einer Hierarchiestufe auf die nächste geht so immer ein Teil des Wissens verloren – man will ja nicht negativ sein, man will ja nicht als Bedenkenträger und Verhinderer gelten. Das könnte der Karriere schaden und macht nur Ärger.

So kommen auf der Stufe des obersten Managements nur positive Nachrichten an – und zwar genau die, die es hören will. Hier liegt die Crux: Wer nach dem Motto »Geht nicht gibt’s nicht« vorgeht, verliert den Kontakt zur Realität. Die Strategie von James Bond und Rambo mag in der virtuellen Realität erfolgreich sein, die reale Realität schlägt aber erbarmungslos zurück, wenn ihre Gesetze nicht beachtet werden.

Was wäre also zu tun? Schließlich funktionieren große Organisationen ja in vielen Fällen durchaus gut. Und zum Verein von risikoscheuen Bedenkenträgern zu mutieren, kann sicherlich nicht des Rätsels Lösung sein.

Vielleicht sollte man den Blick nicht auf die Organisationen fixieren, sondern auf die Menschen wenden, die in ihnen arbeiten. Sie können ihr Potenzial nur dann voll ausspielen, wenn die Vorgesetzten sie ernst nehmen und ihre Informationen unvoreingenommen abwägen. Und ein ernstes Problem eben auch kommunizieren.

Einfach gesagt: Man muss miteinander reden und Vertrauen zueinander haben. Wenn das aber die oberste Ebene von vorneherein verhindert, weil Vorgaben ohne Blick auf die Realität umgesetzt werden sollen, dann wirft sie freiwillig das ganze Wissen und nicht zuletzt den guten Willen der Mitarbeiter über Bord. Das führt im besten Fall zu Ineffizienzen, im schlimmsten Fall geht die ganze Organisation gleich mit unter.

Ihr Heinz Arnold