Interview Mikroelektronik-Implantate eröffnen neue Wege in der Tumorbekämpfung

Anders als in den USA steckt der Einsatz telemedizinischer Lösungen in Deutschland noch in den Kinderschuhen
Anders als in den USA steckt der Einsatz telemedizinischer Lösungen in Deutschland noch in den Kinderschuhen.

Bei der Entwicklung und Umsetzung mikroelektronisch basierter medizinischer Systeme plädiert Professor Bernhard Wolf, Inhaber des Heinz Nixdorf-Lehrstuhls für Medizinische Elektronik der TU München, für einen verstärkten Fokus auf Wirtschaftlichkeit, industrielle Umsetzungsprozesse und Marktnähe.

Markt&Technik: Prof. Wolf, in den USA hat der Markt für Telemedizin inzwischen ein Umsatzvolumen von über 10 Mrd. Dollar erreicht. In Deutschland dagegen steckt dieser Zukunftsmarkt immer noch in den Kinderschuhen. Woran liegt das?

Prof. Bernhard Wolf: Es liegt nicht an den fehlenden technischen Voraussetzungen. Auch bei uns stehen die dazu benötigten biomedizinischen Sensoren und intelligenten Assistenzsysteme zur Verfügung - sie werden bislang aber nur in einem sehr geringen Umfang genutzt. Das US-Gesundheitssystem setzt andere Reize als unser Gesundheitssystem. Unsere Krankenkassen richten ihren Fokus bislang jedenfalls nicht auf die Potenziale telemedizinisch basierter Lösungen. Fakt ist aber auch, dass deutsche Patienten international die Rangliste mit den häufigsten Arztbesuchen anführen. Sie sprechen eben offenbar gerne persönlich und direkt mit ihrem Arzt. Von einem wirklichen Telemedizin-Markt können wir in Europa nur in Norwegen und Finnland sprechen.

Zu den Hochzeiten der Dotcom-Blase versuchten einige Halbleiterhersteller die Skalierungseffekte der Mikroelektronik für die Kostenreduzierung im Gesundheitswesen nutzbar zu machen, Stichwort Lab-on-Chip. Ließen sich die damals geweckten Hoffnungen umsetzen?

Ich würde das aus meiner Sicht bejahen. Es gibt heute eine Vielzahl von mikroelektronisch basierten Sensorsystemen, die im klinischen Bereich nicht nur die Diagnostik, sondern inzwischen auch die Behandlung von Patienten erleichtern. Vielleicht hat es etwas länger gedauert, als man in der Hochphase der Dotcom-Ära annahm, aber die entsprechenden Lösungen stehen heute zur Verfügung.

Welches waren die größten Probleme bei der Umsetzung, und wie ließe sich der Einsatz mikroelektronisch basierter Lösungen in der Medizintechnik schneller vorantreiben?

Aus Sicht der Wissenschaft stellt sicher die diskontinuierliche Förderung solcher Forschungen das größte Problem dar. In unserem konkreten Fall hat nur die kontinuierliche Unterstützung durch die Heinz-Nixdorf-Stiftung eine kontinuierliche Fortsetzung der Forschungsarbeiten ermöglicht. Ich erlebe aber auch immer wieder, dass mögliche Kooperationspartner aus der Industrie mit interessanten Ideen auf uns zukommen, ihre Time-to-Market-Vorstellungen, sind aber völlig überzogen. Eine biomedizinische Sensorlösung lässt sich nicht innerhalb eines Jahres inklusive Kliniktests zur Marktreife bringen.

Sind es eher Konzerne, oder mittelständische Unternehmen, die mit solchen Produktideen zu Ihnen kommen? Unterscheidet sich der Innovationswille deutscher Unternehmen deutlich von dem asiatischer oder amerikanischer Wettbewerber?

Nach meiner Erfahrung ist es vor allem der deutsche Mittelstand, der neue medizinelektronische Lösungen als eine Möglichkeit für eine zukunftsgerichtete Diversifizierung erachtet. Offensichtlich sieht der deutsche Mittelstand darin eine vielversprechende Möglichkeit, sich zukünftig aus einer allzu starken Abhängigkeit von der Automotive-Branche zu lösen.

Stichwort Automotive: Neuerungen wurden dort über Jahrzehnte durch neue Gesetzesvorgaben vorangetrieben. Würden staatliche Vorschriften etwa im Hinblick auf den verstärkten Einsatz telemedizinischer Lösungen nicht ähnlich positive Effekte produzieren?

Gesetzliche Vorgaben wären sicher ein wirkungsvolles Mittel, um im Interesse einer Kostenreduzierung im Gesundheitssektor den Einsatz neuer, auch mikroelektronisch basierter Lösungen voranzutreiben. Unsere Erfahrungen haben gezeigt, dass Patienten elektronische Konzepte, die ihrer medizinischen Autonomie und Emanzipation dienen, durchaus zu schätzen wissen. Den Patienten ist auch klar, welchen Nutzen ein kognitives, personalisiertes medizinisches Assistenzsystem für sie hätte. Studien haben jedoch ergeben, dass bislang nur 10 Prozent der Bevölkerung bereit wären, diesen Mehrnutzen auch zu bezahlen. Mein Fazit lautet darum: Solange die Krankenkassen diese Kosten nicht übernehmen, wird keines der bislang in diesem Bereich vorgestellten Geschäftsmodelle in Deutschland oder auch in Mitteleuropa funktionieren.

Wäre nicht gerade das Thema »alternde Gesellschaft« ein wirkungsvoller Hebel, um in Zukunft für eine stärkere Einbeziehung telemedizinisch gestützter Diagnose und Therapie zu plädieren?

Eine detaillierte und applikationsspezifische Auswertung der über physiologische Sensoren und die dazugehörende Elektronik ermittelten Befindlichkeits- und Bewegungsdaten ist sicherlich bei Patienten jeden Alters, und nicht nur bei Patienten mit diversen Herz-Kreislauf- und Stoffwechsel-Erkrankungen, eine gute und effiziente Möglichkeit, neben der konventionellen Therapie etwa durch eigenverantwortliche Veränderungen des Lebenstils oder Tagesablaufs den Gesundungsprozess zu beschleunigen. Speziell im Bereich älterer Patienten eröffnen die verschiedenen telemedizinischen Ansätze die Chance, auch im Krankheitsfall sehr lange ein autonomes, eigenbestimmtes Leben zu führen.

Ein spezielles Problem, das in Zukunft an Bedeutung gewinnen wird, ist die Behandlung dementer Patienten. Welche Möglichkeiten eröffnen hier biomedizinische Lösungen?

Hier geht es in erster Linie um ein wirklich funktionierendes Patientenmonitoring in der Richtung, dass sichergestellt werden muss, dass beispielsweise eine eingeleitete Therapie auch wirklich medikamentös unterstützt wird. Lösungen bieten hier beispielsweise smarte Verpackungen, die eine kontinuierliche Medikamention unterstützen und auch dokumentieren.

Physiologische Sensoren zur Ermittlung von EKG, Blutdruck oder des Glukosespiegels einzusetzen, ist ein bereits etabliertes Vorgehen. Mit intelligenten Implantaten zur Therapieunterstützung beschreiten Sie einen neuen Weg. Welches Ziel verfolgen Sie dabei?

Intelligente Implantate zielen darauf ab, direkt vor Ort eine Überwachung von Krankheits- und Heilungsprozessen zu ermöglichen. Damit liefern sie die Voraussetzungen für eine lokale und dem Körper angepasste Therapie. Diese Art der In-situ-Messung wird bislang beim Monitoring von Tumorgewebe und bei der Knochenheilung verwendet.