Kommentar Lob der Verschwörung

Heinz Arnold, Chefredakteur Markt&Technik
Heinz Arnold, Chefredakteur Markt&Technik

Verschwörungstheorien stehen hoch im Kurs. Eine beliebte lautet: Deutschland hält die Zinsen in der Eurozone bewusst niedrig, denn davon profitiert die eigene exportorientierte Industrie.

Die Verschwörungstheorie besagt auch, dass genau deshalb der Euro eingeführt worden sei. Deutschland tue nun so, als sei der wirtschaftliche Erfolg der eigenen leistungsstarken Wirtschaft zu verdanken. Sie biete auf dem Markt wettbewerbsfähige Produkte an, die sich im Ausland gut verkaufen. Was wirklich dahinter steckt: Die finstere Deutsche Regierung, die das Komplott eingefädelt hat, das dazu führt, dass nun nicht nur Deutsche deutsche Autos kaufen, sondern auch Amerikaner. Wenn alles mit rechten Dingen zuginge, würden Deutsche genauso viele amerikanische Autos kaufen wie Amerikaner deutsche. Qualität und Funktionalität? Ohne Einfluss!

Die Hauptrolle spielen dabei der niedrige Eurokurs und die Zinsen, die den deutschen Export begünstigen – zu Lasten der schwächeren europäischen Länder und auch der USA. Doch wer diese Theorie weiter spinnt, stellt fest: Mit einer eigenen Währung könnte Deutschland so noch viel besser dastehen und der Euroverschwörung hätte es gar nicht bedurft.  

Das wäre aber viel zu einfach: Nein, Deutschland hat den Euro gebraucht, weil der Kurs der eigenen Währung höher läge als der des Euros heute. Jetzt profitiert Deutschland vom niedrigen Eurokurs, um die eigenen Exporte weiter zu steigern. Nochmal: Qualität und wirtschaftliche Effizienz spielen dabei keine Rolle. Sie ließen sich ja auch belegen und passen schon deshalb nicht in die schönen Verschwörungstheorien.

Außerdem dürfte es müßig sein, zu diskutieren, ob einen hypothetische eigene Währung heute stärker als der aktuelle Eurokurs wäre: Es sind zu viele Konjunktive im Spiel, um diese Frage beantworten zu können.

Aber das ist noch längst nicht kompliziert genug für eine schöne Verschwörungstheorie: Also, die Einführung des Euro war nur der erste Schritt. Der zweite hinterhältige Schritt bestand in der Agenda-Politik Gerhard Schröders: Die Löhne in Deutschland stiegen angeblich nicht mehr, was den Export weiter beflügelte. Zum Schaden der doppelt geprellten schwächeren europäischen Länder, aber auch der USA. 

Bei all dem erstaunt nicht, dass der längst schon begraben geglaubte Merkantilismus eine Renaissance erfährt: Strafzölle erheben, Mauern bauen und Infrastrukturprogramme auflegen. 

All dies steht bei der derzeitigen US-Regierung hoch im Kurs. Aber nicht nur dort. Auch hierzulande setzen sich nicht wenige Ökonomen dafür ein. Da fehlt dann nur noch die Forderung, auch die Löhne zu erhöhen. Denn das würde die deutschen Exporte erschweren, also den Handelsbilanzüberschuss reduzieren und damit den schwächeren Ländern zu mehr Wohlstand verhelfen. Und zweitens verhülfen höhere Löhne auch den Deutschen zu mehr Wohlstrand! Das ist eine interessante Feststellung: Der Wohlstand Deutschlands steigt, wenn die Exporte zurückgehen.

Noch mehr steigt der Wohlstand, wenn die Mittelschicht von den Steuern entlastet wird und die Reichen zur Kasse gebeten werden. Aber warum spalten? Senken wir doch gleich die Steuern für alle. Dann werden alle reicher. Exporte sind dazu gar nicht notwendig. Sie befördern nur die Globalisierung. Und die ist auch ganz schlecht. Wo kommt dann das Geld für die staatlichen Investitionsprogramme und die Modernisierung der Infrastruktur her, etwa für Schulen? 

Ein Blick nach Amerika zeigt, dass es nur auf kreative Antworten ankommt. Die Modernisierung der öffentlichen Schulen ist ganz einfach: sie werden abgeschafft. Und die übrigen Infrastrukturmaßnahmen? Auch ganz einfach: Mexiko bezahlt. Wie für die Mauer.