Gerüchte und lancierte Fehlinformationen Halbleiter-Lieferkette extrem angespannt

Wie sensibel derzeit der Halbleitermarkt ist, zeigte Ende Juli eine Meldung von Bloomberg, in der darüber spekuliert wurde, dass STMicroelectronics aufgrund von Lieferengpässen keine neuen MCU-Aufträge mehr annehme. STs Reaktion kam prompt: »Die Meldung ist falsch!«

Letzte Woche dann gab ST-Chef Carlo Bozotti zu Protkoll, »dass die Lieferzeiten aufgrund einer starken Nachfrage länger werden. Die Book-to-Bill-Rate ist sehr positiv, und die Bestellaktivitäten haben zuletzt noch einmal deutlich zugelegt«.
In der Branche kursieren Gerüchte über Lieferstopps bei Speichern und MCUs. Laut Robert Herth, Senior LM&BDM Storage Solutions bei MSC Technologies, »sind NAND-Flash-Speicher noch immer auf Allokation, weil der Übergang von 2D-Planar auf 3D sich doch etwas schwieriger gestaltet«.

Als weiteren Grund für die Knappheit weist er darauf hin, »dass die Nachfrage stärker ist als erwartet«. Mit einer Normalisierung der Lieferzeiten sei wohl erst zum Ende des Jahres zu rechnen. Ähnlich sieht das sein Kollege Silvano Geissler, Vice President Board Solutions: »Verschiedene Hersteller im Aktiv- und Passiv-Bereich haben Bestellstopps verhängt, so zum Beispiel die Produktgruppe Memory. Es gibt derzeit keine Lieferterminbestätigungen bei Memorys und Flash-Speichern. Vereinzelt treten Fälle auf, bei denen Termine verschoben werden, diese Tendenz nimmt zu.« Als Ursache für die aktuelle Marktsituation sieht Geissler das starke erste Halbjahr 2017, den damit verbundenen Optimismus des Marktes, die Auswirkungen von Mergern und die Überreaktion von Einkäufern.

Markus Kirschner, Vice President Procurement&Commodity Marketing bei EBV Elektronik tritt dagegen aktiv einem Gerücht entgegen: »Einen Lieferstopp bei On Semiconductor gibt es nicht. Zwar sind die Lieferzeiten momentan relativ lang, wie auch andere Lieferanten, aber es gibt kein „Order Entry Stop“ oder Ähnliches!« Allerdings bewegen sich die Lieferzeiten nach seinen Angaben je nach Produkt und Hersteller bei den Halbleitern zwischen 8 und 56 Wochen. Die größten Probleme gibt es aktuell aus seiner Sicht für MCUs, Power-Produkte, Optokoppler und Speicher. »Wir empfehlen deshalb, langfristig Aufträge zu platzieren«, so Kirschner, »oder uns mit einem 12-Monats-Forecast zu versorgen«.

Bei DRAMs hat sich die Lage laut Herth zuletzt sogar etwas beruhigt. Nachdem die Preise fast ein Jahr lang gestiegen waren, »stagnieren sie jetzt, aber auf hohem Niveau«. Bei den Lieferfähigkeit sieht er herstellerbedingte Unterschiede: »Samsung kann mit 3 bis 4 Wochen relativ gut liefern, bei den Mitbewerbern Micron und SK Hynix müssen sich die Kunden dagegen auf 6 bis 10 Wochen einstellen«. Für den DRAM-Preisanstieg nennt er drei Gründe: die Umstellung von DDR3 auf DDR4, eine stärkere Nachfrage und den Ausfall bzw. Verzögerungen in der Produktion eines Herstellers. Reza Armin Maghdounieh, Leiter Einkauf Semiconductor bei Rutronik, weist darauf hin, dass vor allem bei Mikrocontrollern mit längeren Lieferzeiten zu rechnen sei. Offiziell werde bei den Halbleitern aber noch nicht von Verknappung oder Allokation gesprochen, »sondern höchstens von gestiegenen Lieferzeiten«.

Verantwortlich dafür ist für ihn vor allem der asiatische Markt. »Laut den jüngsten WSTS-Zahlen ist der Halbleitermarkt 377,8 Milliarden Dollar groß. Der asiatische Markt wuchs von 2016 auf 2017 laut WSTS um 26 Mrd. Dollar. Das ist 80 bis 90% des europäischen Halbleitermarktes. Da fällt die Steigerung von 3 Mrd. Dollar in Europa kaum ins Gewicht«. In einigen sehr speziellen Fällen liegen den Lieferzeiten spezifische Inhouse-Probleme zugrunde.

So berichtet Norbert Siedhoff, Managing Director Microchip Technology, sein Unternehmen weise derzeit ausschließlich Lieferengpässe bei den ehemaligen Atmel-Produkten auf. Als Grund nennt er die unerwartet schwierige Integration der beiden Fertigungsplanungs-Systeme – was man voraussichtlich in drei bis fünf Monaten endgültig gelöst haben werde. Es gibt auch Einzelfälle, die nach eigener Darstellung nicht mit längeren Lieferzeiten zu kämpfen haben, obwohl sie in den letzten Monaten Marktanteile und Marktreichweiten erhöhen konnten.

Wie gehen die Kunden mit der Situation um? Johann Weber, Vorstandsvorsitzender der Zollner Elektronik, hat über diverse Wege und Quellen zwar auch schon die eine oder andere Information über angebliche Lieferstopps erhalten, »aber nicht jedes Gerücht und nicht jede Information entspricht der Wahrheit. Es muss sich jeder selbst, bezogen auf sein Spektrum, mit seinen Lieferanten und Herstellern einen Überblick verschaffen«. Mehr könne er aus NDA-Gründen nicht sagen. Im Hinblick auf die aktuellen Lieferzeiten spricht er von durchschnittlich 30 Wochen, »es geht aber auch bis zur Allocation«.