Kommentar Freundlicher Mega-Deal

Willem Ongena, Markt&Technik
Willem Ongena, Markt&Technik

TI und National haben sich auf eine so genannte freundliche Übernahme geeignet. Will heißen: Nationals Führung wehrt sich nicht gegen den Kauf. Ganz im Gegenteil: Nationals CEO Don Macleod begrüßt den Coup. Und unter dem Aspekt »Shareholders’ Value« kann man das Angebot TIs an die Aktionäre auch nur begrüßen: Auf einen Schlag steigt der Wert eines Anteilscheins von weniger als 15 Dollar auf 25 Dollar - schlicht und ergreifend ein Angebot, das man nicht ablehnen kann. Das war auch sinngemäß eines der kargen Kommentare, die man gleich nach der Ankündigung des Mega-Deals von Don Macleod hören konnte.

Wohl dem also, der seit einigen Jahren National-Aktien besitzt oder diese sogar gerade Anfang April gekauft hat. Der Anreiz, Letzteres zu tun, war freilich gering gewesen: Von der wirtschaftlichen Erholung konnte National bislang noch nicht so richtig profitieren. Zwar stieg der Umsatz wieder, jedoch nicht so stark wie beim Mitbewerb. Zum Geschäftsjahresende (Mai 2011) dürfte nur ein leichter Anstieg in den Büchern erscheinen.

Man kann nun aber nicht schlussfolgern, dass TI einfach einen maroden Laden zum Schnäppchenpreis kaufen will. Bei einem Kaufpreis von 6,5 Mrd. Dollar wäre das auch, gelinde gesagt, recht abenteuerlich. Das Kaufangebot entspricht immerhin dem unglaublichen Vierfachen des Umsatzes (nicht des Gewinnes!), den National im Geschäftsjahr 2010 erzielte.

Dass die National-Verantwortlichen mitmachen, macht den Mega-Deal aber noch lange nicht perfekt. Zwar dürfte es angesichts des hohen Kaufpreises genug Aktionäre geben, die ebenfalls mitmachen, aber die Zustimmung der Kartellbehörden steht noch aus. Zwar liegt der Weltmarktanteil (für analoge Halbleiter) beider Unternehmen zusammen bei weiniger als 20 Prozent, jedoch geht es den Kartellbehörden nicht nur um diese Zahl, die an sich noch keine Markt beherrschende Stellung signalisiert. Die Spezialisten werden sich zum Beispiel auch einzelne Produkt- und Marktsegmente sowie die Patentportfolios der bisherigen Konkurrenten genau ansehen, um beurteilen zu können, ob daraus potenziell eine Marktdominanz erwachsen könnte.

Branchenkenner halten es, auch wenn in sechs bis neun Monaten alle rechtlichen Hürden genommen sein sollten, nicht für eine triviale Aufgabe, das kalifornische Unternehmen in die texanische Technologieschmiede TI zu integrieren. Auch wenn das in europäischen Ohren seltsam klingt: Der kulturelle Unterschied sei signifikant; man könne sich das als Europäer durchaus so vorstellen, als würde ein deutsches Unternehmen eine italienische Firma integrieren wollen!

TI bewies allerdings bislang ein recht glückliches Händchen beim Zukauf von Firmen, die sein Portfolio bereicherten: Sowohl die Chipcon-Übernahme als auch der bereits vor fast elf Jahren besiegelte Kauf des Analog-Herstellers Burr-Brown waren aus heutiger Sicht ein Erfolg (diese Übernahme war die teuerste der Unternehmensgeschichte: Die Texaner ließen sich Burr-Brown 7,6 Mrd. Dollar kosten). Und auch der erst im Februar 2009 angekündigte Kauf des Halbleiterherstellers Ciclon Semiconductor wirkte sich schon ein Jahr später konkret aus: TI nahm die von Ciclon entwickelten NexFET-Power-MOSFETs in sein eigenes Power-Management-Portfolio auf. Und ein Jahr später gab es auch schon erste TI-ICs, in denen diese MOSFETs den Strom besonders effizient schalten.

Dem TI-Managament sei von hier gewünscht, dass es auch in kalifornischen Gefilden effizient schalten - und walten - wird. Wir werden auf jeden Fall die weitere Entwicklung genau verfolgen und Ihnen darüber zeitnah berichten.

Ihr Willem Ongena