Vishay setzt auf Akquisitionen, die das Produkt- und Technologieportfolio erweitern »Fairchild hätte gepasst, war aber zu teuer«

Dr. Gerald Paul (l.), Johan Vandoorn, Vishay Intertechnology: »Mit zusätzlichen Investitionen in die Produktionskapazität von Key-Produkten wie Dioden, Induktivitäten und Optosensoren wollen wir die Verfügbarkeit dieser Produkte erhöhen und unseren Marktanteil in diesen Segmenten weiter ausbauen.«

Dr. Gerald Paul, CEO und President von Vishay, und Johan Vandoorn, CTO des Unternehmens, plädieren angesichts der Milliardenübernahmen der jüngsten Zeit für Augenmaß. Ihr Ziel sind weiter mittlere Akquisitionen zur Stärkung des Produktportfolios und des Technologie-Know-hows.

Markt&Technik: Gerade hat On Semiconductor erklärt, für 2,4 Milliarden Dollar Fairchild Semiconductor übernehmen zu wollen. Wäre das nicht auch eine Akquisition für Vishay gewesen?

Dr. Gerald Paul: Sie wäre aus meiner Sicht vor allem zu teuer gewesen. Das Gewinn-Kurs-Verhältnis lag im Fall Fairchild Semiconductor in den letzten Monaten bei 1 : 250! Bei anderen Halbleiterfirmen bewegt sich dieser Wert bei 1 : 20. Fairchild war damit wohl deutlich überbewertet. Im MOSFET- und IGBT-Bereich wäre eine solche Akquisition sicherlich vorteilhaft gewesen, aber ein „all-or-nothing“ – das hieße ein Ausreizen aller Kapazitäten – ist nicht unser Stil.

Sie haben in der Vergangenheit aber häufiger die Bereitschaft zu einem großen Deal erkennen lassen. Hat sich daran etwas geändert?

Dr. Paul: Nein, aber ich fungiere in gewissem Maße als Treuhänder der Erben des Unternehmensgründers Dr. Zandmann. Mein Ziel ist es mit Sicherheit nicht, das Unternehmen in Schulden zu stürzen, nur um einer großen Akquisition willen. Wir verfügen derzeit über 1,1 Millarden Dollar Free Cash und eine Liquidität von rund 1,5 Milliarden Dollar. Jahr für Jahr generieren wir weitere 120 bis 150 Millionen Dollar Cash. Wir sind also durchaus in der Lage, größere Deals zu stemmen, aber dafür muss natürlich vieles passen!
Johan Vandoorn: Es ist vor allem der Halbleiterbreich, der in den letzten Monaten sehr hohe Kaufsummen aufgerufen hat. Der Halbleiterbereich ist investitions- und kostenintensiver als das Geschäft mit passiven Bauteilen. Um dort Investitionen in neue Produktionsanlagen zu rechtfertigen, benötigen Sie große Volumina. Das dürfte mit einer der Hauptgründe für die derzeitige Konsolidierungswelle in der Halbleiterbranche sein. In der IC-Produktion sind eben viele eigentlich flexible Kostenanteile letztlich dann doch fixe Kosten, und alles steht und fällt damit, die Produktion auszulasten.

Allein in der Halbleiterbranche hat die laufende Übernahmewelle bisher ein Volumen von über 90 Milliarden Dollar erreicht. Was schützt Vishay eigentlich vor ungebetenen Kaufangeboten?

Dr. Paul: Zum einen sicherlich unsere Marktkapitalisierung. Da müssten, vor allem wenn so etwas von Investmentfirmen getrieben würde, schon einige Milliarden Dollar Cash auf den Tisch gelegt werden! In erster Linie „schützt“ uns die Tatsache, dass sich 47 Prozent des Stimmrechts in Familienbesitz befinden. Hätte die Familie irgendwelche Ambitionen in dieser Richtung, dann hätte sie einen solchen Schritt bereits in Phasen erwogen, als der Aktienkurs deutlich höher war.

Ihre letzten Akquistionen, Capella Microsystems und Holystone, zielten eher auf technische Ergänzungen. Liegt darauf auch in Zukunft der Fokus bei Akquisitionen?

Dr. Paul: Betrachtet man den Capella-Deal, haben wir dafür mit 151 Millionen Dollar eindeutig zu viel bezahlt. Aber ohne die IC-Design-Fähigkeit, die wir uns auf diesem Wege erschlossen haben, wären wir bei den ICs für die Optosensoren auch in Zukunft von Zulieferern abhängig gewesen, was dem Ausbau dieses vielversprechenden Geschäftszweiges sicherlich nicht förderlich gewesen wäre.
Vandoorn: Intelligente Sensoren setzen die Integration von ICs voraus. Hier über eine eigene Design-Schmiede in Taiwan zu verfügen, ist für uns sicher ein entscheidender Vorteil im Wettbewerb. Wir sehen hier eine Vielzahl von Möglichkeiten vor allem im Bereich der Industrie- und Automotive-Applikationen. Unsere Sensorik wächst derzeit mit jährlich 10 Prozent. Die Akquisition von Capella Microsystems ermöglicht es uns, verstärkt von diesem Wachstum zu partizipieren. Holystone wiederum hat unser Produktportfolio um Polymer-Tantal-Kondensatoren erweitert, eine Technologie, die wir bis zu diesem Zeitpunkt nicht im Hause hatten. Auch mit dieser Akquisition profitieren wir von einem interessanten Wachstumssegment im Bereich passiver Bauelemente.