Stilllegung des europäischen Luftverkehrs belastet Elektronikbranche »Eyjafjalla« sorgt für Zündstoff in den Lieferketten

Das flächendeckende Flugverbot über Europa als Folge des Vulkanausbruchs in Island, belastet die partiell ohnehin schon zum Zerreißen angespannte Lieferkette zusätzlich. Verlängert sich das Flugverbot, droht die Eskalation.

Besonders betroffen ist die Versorgung mit Halbleitern - elektromechanische und passive Bauelemente dagegen erreichen Europa, abgesehen von Schnell-Shootern, überwiegend im LKW oder auf dem Seeweg. Wie dramatisch die Auswirkungen für die Elektronikbranche werden, hängt von der Dauer des Flugverbots ab.

»Wir haben eine Taskforce gebildet und beobachten derzeit die aktuelle Entwicklung«, beschreibt Peter Bauer, Sprecher des Vorstands von Infineon Technologies die Reaktion seines Unternehmens auf das europaweite Flugverbot. »Zwar sind bisher noch keine Brandbriefe von Kunden eingegangen«, erläutert Bauer, »verlängert sich diese Situation aber um einige Tage, dann wird es massive Probleme geben«. Dass dem so ist, hat auch damit zu tun, dass Halbleiter im Laufe ihres Produktionsprozesses häufig per Flugzeug etwa zum Tester oder zum Assemblierer gebracht werden.

»In der ohnehin schon punktuell angespannten Liefersituation der letzten Wochen und Monate, schläg sich so ein Ereignis natürlich in allen Aktivitäten nieder« berichtet Dietmar Theisen, Director Central Europe Engineering and Marketing bei Arrow Electronics. »Besonders betroffen sind jetzt natürlich Schnell-Shooter, die noch letzte Woche angestoßen wurden«. Wer nun auf diese dringend benötigte Ware wartet, hat ein Problem. »Derzeit besteht die wichtigste Dienstleistung in der Information«, erläutert Theisen, »wo ist die Ware, wer hat die Ware und wann kommt die Ware«?

»Nachdem Brüssel, Amsterdam und Frankfurt dicht sind« stellt Michael J. Knappmann, Regional Director Central Europe bei Avnet Abacus fest, »liegen wir bei Luftfrachtlieferungen jetzt schon um sieben Tage zurück«. Wie stark sein Unternehmen in den letzten Wochen und Monaten auf Luftfracht gesetzt hat, wird deutlich, als Knappmann den Vergleich zwischen den Frachtkosten im Dezember 2009 und dem März dieses Jahres zieht: »Unser Frachtkosten sind um den Faktor 7 nach oben gegangen«. Nachdem inzwischen am Flughafen Hongkong immer mehr Ware aufläuft, die nicht weiter transportiert werden kann, hat Avnet Abacus in Hongkong inzwischen Räumlichkeiten angemietet, in denen die angelieferten Paletten wieder auseinandersortiert werden, um festzustellen, welche Produkte sie enthalten, um gegebenenfalls Priorisierungen vornehmen zu können, wenn der Flugverkehr wieder im vollen Umfang aufgenommen wird.

Vergleichsweise gut, so Joachim Pfülb, Verkaufsleiter bei Beck Elektronik Bauelemente, dürften noch die davon kommen, die ihre Ware auf dem Seeweg beziehen. »Wer ausschließlich auf Luftfracht angewiesen ist - die ja vor allem dann in Anspruch genommen wird, wenn es wirklich schnell gehen soll - der wird wohl bei einer Verlängerung des Flugverbots bereits in dieser Woche Probleme bekommen können«, vermutet er. Pfülb verweist aber auch darauf, »dass es auch bei uns Produkte gibt, die bereits zwei Stunden nach ihrem Eintreffen schon wieder auf dem Weg zum Kunden sind«.

»Unsere Lager sind bis oben hin gefüllt und wir haben immer einen Puffer von 10 Tagen. Erst wenn wir uns aus diesem Korridor herausbewegen, könnte es kritisch werden«, erklärt Christian Dunger, Produktmarketing FCP, beim Spezialdistributor WDI. Das Produktspektrum von WDI, zum Großteil Quarze und Oszillatoren, kommt per Luftfracht Cargo meist aus Asien. Erste Lieferungen sind zwar bereits im Luftfahrtchaos stecken geblieben, aber derzeit seien sowohl die Bauteile von der Stange als auch kundenspezifische Komponenten noch ausreichend vorhanden, bestätigt Dunger. Weit größer ist das Problem für die Distributoren, die in den letzten Monaten ohne Materialpuffer quasi »von der Hand in den Mund« gelebt haben.