Kommentar Exportboom spitzt Lage auf dem Zuliefermarkt weiter zu

Engelbert Hopf, Chefreporter Markt&Technik

Die deutsche Wirtschaft hievt sich aus der Krise. Im Juni sind die Exporte wieder um gut 30 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat gestiegen. Die deutsche Industrie im Allgemeinen hat ein glänzendes Halbjahr hinter sich. Noch besser lief es in der Elektroindustrie: Über das gesamte erste Halbjahr haben die Auftragseingänge das Vorjahresniveau um 26 Prozent übertroffen. Allein im Juni stiegen die Auftragseingänge nach Angaben des ZVEI in der Branche um 42 Prozent.

Doch damit nicht genug. Experten des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) halten bereits im nächsten Jahr das Erreichen und sogar das Überschreiten der Rekord-Exportwerte aus dem Jahr 2008 für möglich. Nachdem der DIHK für 2010 ein Exportwachstum von 11 Prozent erwartet, rechnen die Analysten für 2011 mit einem Zuwachs von 8 Prozent. Prognostiziert ergäbe das Exporte im Wert von 968 Mrd. Euro. Im Jahr 2008 erreichten die Exporte ein Volumen von 985 Mrd. Euro. Ein Wert, der im nächsten Jahr in Schlagweite zu kommen scheint.

Kein Wunder, dass bei steigenden Exporten auch der Import wächst, und zwar massiv: Im Juni betrug der Wert der Einfuhren 72,4 Mrd. Euro, das waren 32 Prozent mehr als im Vormonat. 72,4 Mrd. Euro – das ist der höchste Stand seit Einführung der Außenhandelsstatistik im Jahr 1950. Zu den Importen zählen auch aktive, passive und elektromechanische Bauelemente. Ihr Stückzahlvolumen ist wie im Fall der Passiven Bauelemente riesig, ihr Umsatzvolumen hält sich dagegen in Grenzen. »Hühnerfutter« und »C-Bauteile« sind nur einige der wenig Wertschätzung ausdrückenden Bezeichnungen für sie.

Was in großen Mengen zur Verfügung steht, darf auch nicht allzu viel kosten. Im Fall der Passiven Bauelemente haben sich die Einkäufer und Entwickler daran gewöhnt, dass die Preise, auch dank des starken Euros, eigentlich nur eine Entwicklungsrichtung kannten: nach unten. Dass sich das nun offenbar ändert, will offenbar eine ganze Reihe von Einkäufern nicht wahrhaben, aber dafür gibt es plausible Gründe.

Da wäre zum einen die ausgetrocknete Lieferkette, die in Teilen im 3. und 4. Quartal dieses Jahres auf die Allokation zusteuert. Die Aufwertung des Yen und die Schwäche des Euro gegenüber dem Dollar sind auch Einflussfaktoren, die Hersteller und Distributoren sicherlich nicht zu ihren Ungunsten umsetzen werden. Und dann wären da noch die Zukunftsaussichten. Auch wenn viele nach wie vor an der Nachhaltigkeit der wirtschaftlichen Erholung zweifeln, bis ins nächste Jahr setzt sich der Markterholung und der konjunkturelle Aufschwung ganz offenbar ohne vorhersehbare Einbrüche fort.

Aus Anwendersicht dürfte es darum wohl keinen ungünstigeren Zeitpunkt geben, als jetzt über Jahresverträge zu verhandeln und darauf zu hoffen, dass die Gespräche wie gewohnt verlaufen.Will heißen zu günstigeren Konditionen. Doch damit beißen die Einkäufer zunehmend auf Granit. Zwar soll es noch Anbieter geben, die trotz gestiegenem Yen-Kurs Komponenten zum »alten« Preis verkaufen wollen, wie sie das bewerkstelligen, bleibt ihr Geheimnis.

Bei den großen Anbietern müssen sich Einkäufer auf neue Verhandlungsmodi einrichten, nach dem Slogan: »Take it or leave it«. In manchen Einkaufsabteilungen scheint die Dramatik der Situation auf dem Markt noch nicht angekommen zu sein. Manche halten die Berichte für dramatisch steigende Lieferzeiten und Lieferengpässe immer noch für Säbelrasseln der Hersteller und Distributoren. Doch so wie sich die weltweite Nachfrageentwicklung derzeit darstellt, dürfte sich die Situation in den nächsten Monaten eher noch zuspitzen, als entspannen.

Wer also auch am wirtschaftlichen Aufschwung partizipieren möchte, sollte vielleicht an anderen Schrauben als dem Einkaufspreis passiver Bauelemente drehen. Ohne das Hühnerfutter geht es nun mal nicht und wer fraglos akzeptiert, das Halbleiter teurer werden, sollte sich vielleicht mal die Frage stellen, warum das bei Passiven Bauelementen anders sein sollte. Denn Leading-Edge ist in vielen Fällen beides, anders wäre die Kompaktheit und Performance heutiger elektronischer Geräte gar nicht realisierbar. Darüber sollte man sich vielleicht im Klaren sein, bevor man nach einem halben Tag Verhandlungsmarathon dann doch Preiserhöhungen akzeptiert oder sich einen neuen Lieferanten suchen muss, weil der alte die Faxen dick hat.

Ihr Engelbert Hopf