electronica: Auswirkungen der Trump-Wahl Erst der Brexit, jetzt Trump

Bob Swanson, Linear Technology: »Ich glaube, dass der Wechsel der Regierung gut ist. Jetzt hört die Zeit der Stagnation auf. Ich hoffe, dass die neue Regierung die Unternehmenssteuern senkt und damit die amerikanische Industrie wettbewerbsfähig wird und wieder im eigenen Land produzieren kann.«

Was sich auf der electronica letzte Woche nach der Wahl von Donald Trump zum 45. Präsidenten der USA abspielte, erinnerte stark an die Reaktion der Finanz- und Wirtschaftswelt nach der Brexit-Entscheidung im Juni dieses Jahres.

So wie der Großteil der globalen Finanzwelt vom Wahlergebnis auf dem falschen Fuß erwischt wurde, so ungläubig fielen auch die ersten Reaktionen in den Gesprächen mit führenden Vertretern der Elektronikbranche auf der Messe aus.
Bob Swanson, CEO von Linear Technology, gehört dabei zu wenigen, die offen ihre Unterstützung für Trump äußerten. »Ich glaube, dass der Wechsel der Regierung gut ist. Jetzt hört die Zeit der Stagnation auf, ich hoffe, dass die neue Regierung die Unternehmenssteuern senkt und damit die amerikanische Industrie wettbewerbsfähig wird und wieder im eigenen Land produzieren kann«, so Swanson, »das ist doch eine gute Nachricht, auch wenn es für die Bewohner des sozialistischen Europa etwas befremdlich klingen mag«. Dass er mit seiner Einschätzung nicht die Mehrheitsmeinung seiner Kollegen im Silicon Valley vertritt, ist ihm dabei absolut bewußt.

Etwas distanzierter fällt das Statement von Tyson Tuttle, CEO von Silicon Labs aus. »Donald Trump hat sich öfter widersprochen. Er nimmt einen US-zentrischen-Standpunkt ein, ist protektionistisch und wird die Unternehmenssteuer senken«, so seine Einschätzung, »das könnte der US-Wirtschaft zunächst sogar helfen. Nach der Wahl können die Republikaner jetzt ihre Vorstellungen durchsetzen«. Hillary Clinton hätte das nach seinem Dafürhalten nicht tun können, ihre Wahl hätte zu weiterem Stillstand geführt. »Jetzt können die Republikaner loslegen und die Wähler können dann entscheiden, ob ihnen gefällt, was die Republikaner gemacht haben«, so Tuttle, »ein amerikanischer Präsident hat zwar viel Macht, er kann aber auch nicht alles tun«!

Dave Doherty, President von Digi Key, drückte aus, was wohl die meisten in den USA im Vorfeld der Präsidentenwahl empfunden haben: »Es gab eine starke Unzufriedenheit mit den bestehenden Umständen und zwei unpopuläre Kandidaten. Ein Wechsel ist gut, denn er zwingt die Menschen dazu, zu reflektieren. Ich gehe davon aus, dass sich alles einspielen wird«. Auf die Frage, ob er damit rechne, dass TTIP nach der Wahl von Trump zum Scheitern verurteilt ist, äußert sich Doherty sehr klar, »ich hoffe nicht, dass TTIP jetzt scheitern wird«!

Nach Einschätzung von Hassane El-Khoury, President und CEO von Cypress Semiconductor, »ist es derzeit noch zu früh, um zu entscheiden, inwieweit die Wahl von Donald Trump zum neuen US-amerikanischen Präsidenten, Einfluss auf die Elektronikindustrie haben wird«. Bei Gesprächen mit Europäern, die CEO Positionen in US-Unternehmen inne haben, werden unabhängig von ihrer eigenen politischen Einschätzung der Dinge, vor allem zwei Punkte hervorgehoben: Die Wahlentscheidung fiel primär vor dem Hintergrund der internen wirtschaftlichen Situation in den USA, und der Einschätzung, und der Einschätzung, dass vor dem Hintergrund der anstehenden Veränderungen, die Auswirkungen auf die Elektronikbranche noch zu den geringsten zählen dürften.

So sieht sich etwa Dr. Gerald Paul, CEO und President von Vishay durch die dezentrale Verteilung des Unternehmens auf Europa, die USA und Asien, gut auf anstehenden wirtschaftspolitische Veränderungen vorbereitet, »natürlich hätten Währungsverschiebungen, wie etwa eine Aufwertung des Euro im Vergleich zum Dollar Einfluss auf das Wachstum«. Im Prinzip plädiert aber auch er dafür, erst einmal abzuwarten, welche der im Wahlkampf geäußerten wirtschaftspolitischen Veränderungen Trump nun als US-Präsident wirklich umsetzen will.