Markt&Technik-Forum »Passive Bauelemente« Eine Branche kämpft mit den Folgen der Dreifachkatastrophe

Unabhängig von möglichen Worst-Case-Szenarien erwarten die Hersteller und Distributoren passiver Bauelemente eine mögliche Verschärfung der Liefersituation im Mai, Juni dieses Jahres. Doch alle Einschätzungen zur weiteren Marktentwicklung bleiben hoch spekulativ.

Sechs Wochen nach der Dreifachkatastrophe in Japan ist nun genau das eingetreten, was die zum Forum »Passive Bauelemente« versammelten Experten in ihren Analysen befürchtet hatten. Die Evakuierungszone um das havarierte Atomkraftwerk in Fukushima wird ausgeweitet. Zwar nicht von der WTO empfohlen auf 100 km, aber doch zumindest in einigen Bereichen auf 40 km. Bleibt abzuwarten, wie sich die Situation weiterentwickelt, nachdem Fukushima Mitte April zu einem Unfall der Stufe 7 auf der INES-Skala hochgestuft wurde und damit auf dem gleichen Level wie Tschernobyl angesiedelt wird.

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Markt&Technik-Forum "Passive Bauelemente" 2011

Die Komplexität der Auswirkungen der Dreifachkatastrophe von Japan geht weit über die bisherigen Erfahrungswerte hinaus - Stimmen aus der Branche

»Wer heute behauptet, er wüsste, wie sich die Liefersituation und der Markt in den nächsten Wochen entwickeln wird, der lügt«, legt sich Uwe Reinecke, General Manager European Sales bei AVX gleich zu Beginn der Diskussionsrunde fest. Er erwartet eine Reduzierung der gesamten Produktionskapazität durch diesen Impact. »Es ist ja auch nicht so, dass von diesem Ereignis die Produktion von Produkten betroffen wäre, die in den letzten Monaten über einen niedrigen Ordereingang hätten klagen müssen«, legt Reinecke nach, »die Liefersituation war zuvor bereits angespannt und wird durch die Auswirkungen der Dreifachkatastrophe in Japan nun noch einmal verstärkt«.

Welche Auswirkungen eine Ausweitung der bislang existierenden Evakuierungszone um Fukushima, etwa nach den Empfehlungen der WTO, für die Bauelementebranche hätte, macht Michael J. Knappmann, Regional Vice President Central Europe bei Avnet Abacus klar. »Wenn es letztlich zu einer Ausweitung der Zone auf 100 km kommt, dann erreicht das den Großraum Tokio. Dann würden etwas 30 Prozent der Fertigungsstätten, die wir nach den heutigen Analysen als sicher betrachten, zusätzlich wegfallen«, warnt der Distributionsfachmann, »dass würde die Probleme der Branche noch einmal auf ein ganz anderes Niveau heben«.

Joachim Pfülb, zuständig für die Verkaufsleitung bei Beck Elektronik Bauelemente, erläutert, warum die Branche so massiv von den Ereignissen in Japan betroffen ist. »Der Norden Japans ist eine Technologieecke, dort befinden sich viele Hochtechnologiestandorte, die nicht nach außerhalb verlagert wurden, eben weil die japanischen Hersteller ihr Know-how im Lande halten wollten«, erläutert er, »Hochtechnologie, das kann in diesem Fall ein Klebstoff sein, eine Folie, vielleicht sogar besondere Schrauben. Erst wenn man tiefer in die Lieferkette hineingeht, wird sich zeigen, welche Teilkomponenten alle aus der betroffenen Region stammen«.

Für Dippel, Director Strategic Marketing & Business Development Segment Telecom & Industrie bei Kemet Electronics ist es genau diese Komplexität die wahrscheinlich noch in einigen Wochen für Probleme nicht nur in der Bauelemente-Welt sorgen wird. »Die Taskforces, die bei allen Beteiligten in den ersten Tagen nach der Katastrophe gebildet wurden, konnten häufig nicht klären, ob nicht auch die wichtigen Zulieferer der eigenen Zulieferer in dem betroffenen Gebiet ansässig sind«, gibt er zu bedenken und warnt, »da baut sich eine zweite Welle auf, die dann sichtbar werden wird, wenn gewisse Basismaterialien nicht mehr zur Verfügung stehen«. Seiner Einschätzung nach wird das noch im zweiten Quartal dieses Jahres geschehen.

Im Prinzip haben Hersteller und Distributoren in den Tagen und Wochen nach der Katastrophe alle das gleiche Reaktionsmuster durchlaufen. Als erstes wurde die Frage geklärt, ist die eigene Fertigung, die Fab des Distributionspartners betroffen? War das geklärt ging es darum, wie es mit der Energieversorgung und der Logistik vor Ort steh. Dann begann man sich dem Thema Rohmaterial zuzuwenden, wie auch Holger Franke, Director Passive Marketing EMEA bei Arrow Electronics bestätigt. »Oberste Priorität hatte bei uns allen sicherlich die Versorgung der Kunden zu sichern, in bestimmten Fällen wurden dazu auch Allokationsprozesse eingeleitet«.

Wie dringend notwendig die waren, zeigen beispielsweise Fälle bei TTI Europe. »Wir hatten die Situation, dass am Montag nach dem Ereignis in Japan, Kunden auf einmal das 500-Fache ihrer normalen Lieferabfrage beziehen wollten. Die Waren waren teilweise bereits verpackt, wir haben sie aber nicht rausgeschickt, da mussten wir sehr schnell reagieren«, schildert Jean Quecke, Regional Vice President bei TTI Europe, die Abläufe in seinem Unternehmen am Morgen des 14. März. Im Zweifelsfall, ist sich eben jeder selbst der Nächste und die elektronische Vernetzung der Liefersysteme erlaubt es eben auch, solche dreiste Versuche zumindest einmal zu unternehmen. Eines wird bei der Diskussion der Branchenexperten ganz schnell klar: In den Wochen nach der Katastrophe in Japan, hat dieses Thema fast alle anderen in der Branche zurückgedrängt. Eine Branche die sich nach der Bedarfs- und Nachfrageexplosion des Vorjahres schon fast wieder auf dem Rückweg zur Normalität sah, wird nun mit einem Ereignis konfrontiert, dessen Auswirkungen bei weitem komplexer auf die Lieferkette sind, als etwa die durch die Aschewolken des isländischen Vulkans Eyjafjalla hervorgerufenen Liefer- und Versorgungsprobleme.