IHS: HV-MOSFETs über 400 V sehr gefragt Eine Allocation scheint abgewendet zu sein

Richard Eden, IHS Markit Technology
»Wir gehen davon aus, dass die Wahrscheinlichkeit, dass Cree Wolfspeed in diesem Jahr verkaufen wird, hoch ist. Und wir sind uns sehr sicher, dass der Käufer ein US-amerikanisches Unternehmen sein wird.«
Richard Eden, IHS Markit Technology »Wir gehen davon aus, dass die Wahrscheinlichkeit, dass Cree Wolfspeed in diesem Jahr verkaufen wird, hoch ist. Und wir sind uns sehr sicher, dass der Käufer ein US-amerikanisches Unternehmen sein wird.«

Lieferengpässe bei MOSFETs, vor allem im HV-Bereich, und Wafern kennzeichnen für Richard Eden, Principal Analyst Power Semiconductors bei IHS Markit Technology, aktuell die Marktsituation. Mit einer Entspannung der Situation rechnet er spätestens Mitte dieses Jahres.

Markt&Technik: Aus der Stromversorgungsbranche mehren sich die Hinweise, dass es Lieferengpässe bei 1200-V-MOSFETs gibt. Können Sie das bestätigen?

Richard Eden: 1200 V ist ja eigentlich mehr eine Spannung für IGBTs oder vor allem auch SiC-MOSFETs, wie sie Wolfspeed, Rohm Semiconductor oder STMicroelectronics anbieten. Es haben sich im MOSFET-Bereich seit der PCIM im letzten Jahr längere Lieferzeiten entwickelt. Eigentlich sollten die Hersteller ihre Produktionskapazitäten inzwischen an den gestiegenen Bedarf angepasst haben oder dies noch im Laufe dieses Jahres tun. Wir hoffen, dass sich die Liefersituation dadurch bereits in naher Zukunft verbessert, anstatt sich weiter zu verschlechtern.

Würden Sie vor diesem Hintergrund aktuell noch von einer Allocation-Situation bei Power-MOSFETs sprechen?

Ich würde sagen, im Jahr 2017 deutete einiges darauf hin, dass es zu einer Allocation kommen könnte; aktuell sehe ich diese Gefahr nicht mehr unmittelbar.

Wie sehen die Wachstumsprognosen von IHS Markit Technology in Sachen MOSFETs aktuell aus?

Nach unserer Einschätzung dürfte die Nachfrage nach diskreten Power-MOSFETs und Low-Voltage-MOSFETs mit Spannungen unter 40 V in diesem Jahr wohl etwas stärker steigen als die Gesamtnachfrage für MOSFETs. Gleichzeitig gehen wir aber auch davon aus, dass die Nachfrage nach Hochspannungs-MOSFETs für Spannungen über 400 V noch deutlich schneller wachsen wird. LV-MOSFETs kommen ja vor allem auf PC-Motherboards und im Automotive-Bereich zum Einsatz, während HV-Power-MOSFETs vor allem in Industrieapplikationen Anwendung finden. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass inzwischen mehr als 50 Prozent des HV-MOSFET-Marktes auf Super-Junction-MOSFETs entfallen.

Erst im Aufbau begriffen ist dagegen ja die Landschaft bei SiC-MOSFETs. Wie sieht die Situation dort aus, mit welchen Wachstumsraten rechnet IHS Markit Technology in diesem Produktsegment?

Aktuell dürften SiC-MOSFETs erst etwa 3 Prozent des MOSFET-Marktes ausmachen. Aktuell gehen wir davon aus, dass der Umsatz dieser Bauelemente in diesem Jahr um 40 Prozent steigen wird. Getrieben wird dieses kräftige Wachstum vor allem durch den Einsatz in Hybrid- und Elektroautos sowie Solarinvertern und anderen Industrieelektronik-Anwendungen. Das Wachstum könnte vielleicht noch höher sein, wenn es mehr Wafer-Hersteller gäbe, die in der Lage sind, hochqualitative 6-Zoll-SiC-Wafer zu liefern. Auf diesen Wafer-Durchmesser wurde in den vergangenen zwei Jahren die SiC-Dioden-Produktion umgestellt; jetzt geschieht dasselbe bei den SiC-MOSFETs.

Kommen wir zu den klassischen MOSFETs zurück. Was tut die Industrie, um die Lieferprobleme dort in den Griff zu bekommen? Geht es um die Inbetriebnahme von neuen Linien oder ist der Aufbau ganz neuer Fabs notwendig?

Es ist definitiv keine Frage zusätzlicher Produktionslinien! Das Problem in der Lieferkette ist entstanden, weil der Bedarf schneller in die Höhe gegangen ist, als sich das anhand der Forecast-Zahlen abschätzen ließ. Ich gehe davon aus, dass es gelingt, die angespannte Lieferkette dadurch zu entlasten, dass Hersteller einen Teil der Produktion an Foundries auslagern, während sie ihre eigenen Kapazitäten ausbauen. Das dürfte in etwa ein bis eineinhalb Jahre dauern. Da die Probleme zu Beginn des letzten Jahres begannen, gehe ich davon aus, dass neue Fertigungskapazitäten spätestens Mitte 2018 dem Markt zur Verfügung stehen werden.

Es gibt Beispiele wie etwa Mean Well, die offenbar darüber nachdenken, in dieser Situation für ihre Low-End-Geräte erstmals chinesische MOSFET-Hersteller einzusetzen. Könnte das diesen Herstellern die Möglichkeit eröffnen, auch in Industrienetzteilen westlicher Hersteller zum Einsatz zu kommen?

Das ist durchaus möglich, aber ich bin mir nicht sicher, ob chinesische MOSFET-Hersteller derzeit in der Lage wären, die rigorosen Qualitätsstandards westlicher Stromversorgungshersteller zu erfüllen. Sollten sie dazu aber in der Lage sein, dann würde sich ihnen derzeit durchaus eine Möglichkeit bieten, auf diesem für sie neuen Markt Fuß zu fassen.

Erwarten Sie für 2018 auch Lieferprobleme im IGBT-Bereich? Könnten neue Hersteller die aktuelle Situation nutzen, um ins IGBT-Geschäft einzusteigen?

Aktuell sind für mich keine Lieferschwierigkeiten im Bereich IGBT zu erkennen. Ich glaube auch nicht, dass kurzfristig auftretende Lieferengpässe die passenden Rahmenbedingungen dafür bieten, um neue IGBTs zu entwickeln und dafür eine Produktion aufzubauen. Es ist wesentlich komplizierter, IGBTs herzustellen, als MOSFETs zu produzieren. Das ist auch der Grund, warum es vergleichsweise wenige Hersteller dieser Produkte gibt.

Nach dem von der CFIUS abgelehnten Verkauf von Wolfspeed an Infineon gibt es nun neue Spekulationen darum, dass Cree Wolfspeed gerne verkaufen würde. Müsste der Käufer dann zwingend ein US-Unternehmen sein?

Ich habe den neuen CEO von Cree, Gregg Lowe, so verstanden, dass er seine Strategie für die weitere Zukunft des Unternehmens in Kürze vorstellen will. Ich weiß zwar nicht, über welche Pläne er dann sprechen wird, aber der Verkauf von Wolfspeed durch Cree ist, denke ich, auf jeden Fall eine mögliche Option für 2018. Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass nach dem Einspruch des Committee on Foreign Investment in the United States jeder neue potenzielle Käufer von Wolfspeed ein US-amerikanisches Unternehmen sein wird, aber ich kann aktuell nicht darüber spekulieren, wer der Käufer sein wird.

in weiterer möglicher Übernahmekandidat in diesem Jahr könnte nach Ihrer Einschätzung Power Integrations sein. Warum erst jetzt, warum nicht schon früher?

Ich kann nicht beurteilen, ob Power Integrations auch schon in der Vergangenheit ein vielversprechender Übernahmekandidat gewesen wäre, aber ich denke, sie könnten auf jeden Fall ein zukünftiger Übernahmekandidat sein. In diesen Zeiten kann einfach jedes Halbleiterunternehmen zum Übernahmekandidaten werden. Das liegt am niedrigen Zinsniveau! Aber ich habe keine spezifischen Informationen in dieser Richtung, ich spekuliere nur auf die Ereignisse der nächsten Monate.