Kommentar Ein Bärendienst für die deutsche Ingenieurskunst

VW hat dem Icon »Made in Germany« geschadet. Nachhaltige Aufklärung und Problemlösung tun Not, um den Imageschaden für die deutsche Wirtschaft zu minimieren.

Glaubt man den Berichten über die ersten Ergebnisse der internen Revision bei VW, dann haben Entwicklungsingenieure 2008 bei VW das Unmögliche möglich gemacht: einen Motor zu entwickeln, der trotz zu niedrig angesetzter Kosten die US-Abgaswerte erfüllte. Nun gehört Zaubern ja traditionell zum Handwerkszeug deutscher Ingenieurkunst, aber Wunder? Dass sich damals niemand darüber gewundert hat, wie das möglich war, zeugt von Dessinteresse oder Ahnungslosigkeit derer, die das überraschende Ergebnis der Entwicklungsanstrengungen durchgewinkt haben.

Inzwischen ist der Schaden für VW gigantisch. An der Börse hat sich der Wert der Aktie inzwischen fast halbiert. VW-Aktien sind mittlerweile so billig wie zuletzt vor fünf Jahren, kurz nach der Wirtschafts- und Finanzkrise 2008/09. Auch wenn der Abgasskandal durch Tests in den USA ins Rollen kam, betroffen davon sind vor allem Autos und Kunden in Europa: Von den 11 Millionen Fahrzeugen, die mit der Manipulationssoftware ausgestattet wurden, fahren etwa 8 Millionen auf Straßen innerhalb der EU. Bislang war vor allem von drohenden Strafen und Klagen in den USA die Rede, man darf jedoch gespannt sein, wie sich der Umgang der europäischen Behörden mit Europas größtem Automobilbauer gestaltet.

Seit Bekanntwerden des Abgasskandals haben sich VW-Zulieferer wie Bosch intensiv darum bemüht, klarzustellen, dass sie nichts mit den Manipulationen in Wolfsburg zu tun haben. Die Angst, mit in den Strudel gerissen zu werden, ist groß, nicht nur bei den Tier 1, sondern in der gesamten Lieferkette der Automobilindustrie. Das Unbehagen beschränkt sich jedoch nicht nur auf die Automobilbranche: Immer wieder schlägt in Gesprächen der letzten Wochen die Befürchtung durch, dass der VW-Skandal sich negativ auf das gesamte Label des »Made in Germany« auswirken könnte. Angesichts der Tatsache, dass die deutsche Industrie noch nie mit einem Fall dieser Art konfrontiert wurde, fällt es allen schwer, die möglichen Auswirkungen des Skandals einzuschätzen.

Welch weitreichender Imageschaden und Glaubwürdigkeitsverlust nicht nur für VW entstanden ist, hat dieser Tage die EU-Handelskommissarin Cecilia Malmström mit Blick auf das geplante transatlantische Handelsabkommen TTIP deutlich gemacht. Man habe in den Verhandlungen mit den USA viel Zeit darauf verwendet, darzustellen und zu erklären, »dass wir in Europa die höchsten Umweltstandards haben, und dann stellt sich heraus, wir sind nicht perfekt!«
Die aufs Spiel gesetzte Glaubwürdigkeit lässt sich wohl nur mit der von Ulrich Grillo, dem Präsidenten des BDI, geforderten Transparenz, und Klarheit zurückgewinnen. Vertrauenswürdigkeit ist schließlich eine der wichtigsten Voraussetzungen für nachhaltig erfolgreiches Wirtschaften. Nur auf diese Weise dürfte nachhaltiger Schaden vom Industrie-Standort Deutschland abgewendet werden, und »Made in Germany« als einzigartiges Label, quer durch alle Industriebranchen, auf den internationalen Märkten erhalten bleiben.

Grillo gehört bislang auch zu den wenigen Repräsentanten der deutschen Wirtschaft, die klar sagen, dass eine bewusste Verzerrung von Abgastests inakzeptabel sei und dieses Fehlverhalten absolut nicht zum Selbstverständnis der deutschen Industrie passe. Es gehöre vielmehr zum Selbstverständnis der deutschen Industrie, Probleme nüchtern, sachlich und mit enormen Engagement effizient zu lösen. Die Betonung liegt dabei auf effizient. Grillo dürfte damit sowohl den Konzernen als auch dem deutschen Mittelstand aus dem Herzen sprechen.

Im Umfeld eines sich verschärfenden internationalen Wettbewerbs, sich schneller bewegender Märkte, die rasch neue Wettbewerber hervorbringen können, scheint einigen die Identifizierung dessen, was richtig und fair ist, abhanden gekommen zu sein. Wie in jeder Krise wohnt aber auch dem VW-Skandal eine Chance inne: Die Weiterentwicklung der Compliance-Systeme in den Unternehmen.
Zwar wird sich individuelles, vielleicht sogar vorsätzliches Fehlverhalten nie ganz ausschließen lassen, die Gelegenheit dazu sollte aber auf ein Minimum reduziert werden – zum Nutzen aller.