Kommentar Drohendes GaAs-Verbot: Europa katapultiert sich aus dem Markt

Heinz Arnold, Chefredakteur Markt&Technik
Heinz Arnold, Chefredakteur Markt&Technik

Fehlende Transparenz, fehlende Nachvollziehbarkeit der Entscheidungen, fehlende Rechtsbehelfsmöglichkeiten – die Vorwürfe der betroffenen Industrie gegenüber dem dem Risc Assessment Committee (RAC), das die Einstufung von Galliumarsenid (GaAs) im letzten Jahr als krebserregend und fruchtbarkeitsschädigend eingestuft hat, sind hart. Aber durchaus nachvollziehbar.

So nachvollziehbar offenbar, dass die EU-Kommission die RAC dazu verdonnert hat, das Verfahren noch einmal zu überprüfen. Nun ist es klar, dass jemand der nachsitzen muss, nicht gerade mit guter Laune ans Werk geht. GaAs ist allerdings ein Stoff, der für die Industrie und die viel versprechenden Märkte von solcher Wichtigkeit ist, dass man Entscheidungen nicht von der jeweiligen Laune und persönlichen Befindlichkeit abhängig machen sollte. Verabschieden sich Hersteller von GaAs, dann würde das einen herben Wettbewerbsnachteil für die europäische Industrie bedeuten.

Im Moment ist das RAC, das die Bewertung der Chemikalien durchführt, dabei, Galliumarsenid einzustufen. Es überrascht aber schon, wie GaAs überhaupt in das Visier der ECHA und dem RAC geraten konnte. Denn weil es so viele Stoffe zu bewerten gibt, wäre es logisch, zunächst die zu analysieren, die in großen Mengen in die Umwelt gelangen. In großen Mengen wird GaAs aber nicht hergestellt. Könnte es sein, dass sich die RAC auf »exotische Stoffe« wirft, um möglichst viele Verbote in kurzer Zeit durchziehen zu können und so die von anderer Stelle gesetzten Vorgaben zur eigenen Existenzberechtigung zu erfüllen? Auch hier wäre zu fragen, ob interne Spielereien es rechtfertigen können, die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie zu riskieren.  

Vor allem wäre es wünschenswert, dass bei der Klassifizierung wissenschaftlich haltbare Verfahren zur Anwendung kommen. Das Read-Across-Verfahren erfüllt sie nicht. Zwar kann dieses Verfahren durchaus Anwendung  finden, wenn es um die Beurteilung von Chemikalien geht, die sich nur geringfügig voneinander unterscheiden. Allerdings muss dann auch begründet werden, warum man das Analogieschlussverfahren anwenden darf.

Im Fall von Galliumarsenid schlicht das Merkmal »enthält Arsen« zu verwenden, dürfte allerdings problematisch sein. Wendete man das Merkmal »enthält Chlor« darauf an, Kochsalz zu bewerten, würde es postwendend auf der Liste der besorgniserregenden Substanzen (SVHC) wandern. Das RAC hat dieses Verfahren aber beibehalten, obwohl neue wissenschaftliche Erkenntnisse über die Gefährlichkeit von GaAs vorliegen.

Und es wäre wünschenswert, dass die EU-Behörden sich vielleicht etwas abstimmten. Denn einerseits fließen Millionen-Beträge aus EU-Mitteln in die Hochfrequenz-Forschung, weil sie berechtigterweise als ein strategisch wichtige Markt gesehen wird, andererseits arbeiten EU-Behörden daran, Materialien wie GaAs und InP, ohne die im HF-Bereich nichts läuft, für die EU-Hersteller unzugänglich zu machen. Neues aus Absurdistan!

Beifall aus den anderen Weltregionen können sich die EU-Behörden allerdings sicher sein. Denn die dort tätigen Firmen lachen sich ins Fäustchen, wenn sie beobachten dürfen, wie die Europäer sich sehenden Auges selber aus dem Wettbewerb katapultieren.

Übrigens: wer denkt, das ganze Verfahren hätte nun nur GaAs getroffen, der irrt. Mit Indiumphosphid (InP), ohne das keine Hochgeschwindigkeits-Glasfasernetz funktioniert, wird genau dasselbe passieren. Und schlimmer noch, das RAC hat derzeit eine Position eingenommen, die zwangsläufig das Gallium selbst, den Grundstoff für weiße Leuchtdioden und für die Leistungselektronik der Elektromobilität, zum SVHC Kandidaten macht.