Kommentar Die vermeintliche Konsolidierung

Heinz Arnold
Heinz Arnold

Alles sprach in diesem Jahr von der Konsolidierung in der Halbleiterindustie. Doch wo ist sie?

Wenn Qualcomm die Übernahme von NXP gelingen und wenn Broadcom beide kaufen sollte, dann würde dies aufs Schönste bestätigen: Die Konsolidierung in der Hableiterbranche schreitet zügig voran. Über die vergangenen Jahre scheint sich das Übernahmekarusell immer schneller zu drehen. Broadcom treibt den Wert einer einzigen Übernahme nun über die 100-Mrd.-Dollar-Schwelle. Alles vollkommen neu, unerhört, geradezu verrückt?

Die Zahlen nüchtern betrachtet sprechen eine andere Sprache. Geändert hat sich über Jahrzehnte kaum etwas. Namen kommen und gehen, aber die fundamentale Gegebenheiten in der Halbleiterindustrie zeigen eine erstaunliche Kontinuität. Zunächst einmal: Die Hableiterindustrie hat nichts von ihrer Vitalität verloren: Die Zahl der Neugründungen steigt weiter, sie sinkt nicht, wie viele meinen, weil sie ihren Blick über die USA und Europa nicht hinausschweifen lassen.  

Die Zahl der Merger und Acquisitions ist dagegen relativ konstant geblieben. Auch wenn es unter den Top Ten des Öfteren Namenswechsel gab: Ihr Anteil am Gesamtmarkt blieb über die Jahrzehnte ebenfalls erstaunlich konstant. Selbst wenn die riesigen Übernahmen vom Qualcomm und Broadcom über die Bühne gingen, würde dies in der langfristigen Statistik kaum etwas ändern.

Doch wenn die Anzahl der Übernahmen insgesamt nicht wesentlich gestiegen ist, so hat doch der Wert der Übernahmen deutlich zugenommen. Zeigt das nicht, dass Größe an sich ein Wert ist und zu wertvollen Skalierungseffekten in einer reifer werdenden Industrie führt? Die nüchternen Zahlen sagen etwas anderes: Die Synergieeffekte durch die Übernahmen relativ gering sind, insbesondere die R&D-Aufwendungen, einer der größten  Kostenfaktoren für IC-Schmiden, bleiben auf einem hohen Niveau von durchschnittlich 14 Prozent pro Jahr. So verwundert es nicht, dass die reine Größe eines Unternehmens ganz und gar nicht mit Umsatz und Marge korreliert. Selbst die global führenden Unternehmen sind durch Übernahmen nicht gewachsen, noch nicht einmal Intel nach der Übernahme von Altera und trotz der weiteren zahlreichen Neuerwerbungen. Einzige Ausnahme ist Avago/Broadcom, die über die Zukäufe geradezu atemberaubend gewachsen ist.