Kommentar Die Strategie des russischen Roulette

Heinz Arnold, Chefredakteur Markt&Technik
Heinz Arnold, Chefredakteur Markt&Technik

Die Hersteller von Halbleitern überdenken unter dem Eindruck der Katastrophe in Japan ihre Just-in-Time-Strategien - das sagen jedenfalls die Marktforscher von IHS iSuppli. Damit dürften sie durchaus richtig liegen, es ist sogar zu vermuten, dass die Hersteller ganz unabhängig von der jeweiligen Situation hin und wieder überdenken, wie sie ihre Lieferkette managen und wo es unter Umständen Verbesserungsmöglichkeiten gibt.

Die geplatzte Blase von 2000/2001 hat da sicherlich schon einiges bewirkt - zumindest was das Überdenken angeht. Ob das Denken tatsächlich zu nachhaltig besseren Ergebnissen führt, sei einmal dahin gestellt.

Die Frage ist nämlich: Wie viel Freiheit bleibt denn den Herstellern - sie haben ja nicht die Kontrolle über die gesamte Lieferkette -, um eventuelle Einsichten in konkrete Verhaltensänderungen umzusetzen?

Wer unter dem  Druck steht, vor allem Kosten zu sparen, der wird gerne die Möglichkeiten von Just in Time ausreizen - auch wenn er weiß, dass bei Streiks, Vulkanausbrüchen oder sonstigen unvorhersehbaren Ereignissen erhebliche Kosten auf ihn zukommen können. Wer wegen einer nicht verfügbaren mickrigen Komponente sein System nicht ausliefern kann und damit einem Wettbewerber Tür und Tor öffnen muss, der hat unter Umständen die Just-in-Time-Einsparungen von vielen Jahren auf einen Schlag verspielt.

Das Dumme ist nur: (noch) nicht eingetretene Ereignisse lassen sich nicht in Zahlen fassen und in so genannte Forecasts aufnehmen. Dafür gibt es leider keine Kästchen in Excel-Sheet. In einem eigentümergeführten mittelständischen Unternehmen mag der Chef es sich leisten können, gewisse Risiken mit einzuplanen - und dafür auf kurzfristige Kostenreduzierungsmöglichkeiten zu verzichten. In börsennotierten Unternehmen, wo die Investoren Druck machen, geht das nicht so ohne weiteres - auch wenn die Akteure es eigentlich besser wüssten.

Etwas anders hat das Problem kürzlich Rolf Dobelli in der FAZ formuliert: Wer 10 Millionen Euro beim Russisch-Roulette gewinnt, kann sich zurücklehnen und den braven Rechtsanwalt belächeln, der nebenan lange dafür arbeiten muss, um solch ein Vermögen anzusammeln. Allerdings betrachtet der Spieler dabei nicht die alternativen Pfade, also Pfade, die zu Ereignissen führen, die nicht eingetroffen sind. Seine Alternative wäre gewesen: zu sterben.
Dem Rechtsanwalt stehen auf seinem beschwerlichen Weg zum Reichtum zwar viele alternative Pfade zur Verfügung, allerdings ist kein Todespfad dabei.

Erst mit Einbezug der alternativen Pfade kommt man also zu einer vernünftigen Risiko-Bewertung. Wer so tut, als könne er ohne die Betrachtung alternativer Pfade munter drauflos spielen, der wird immer wieder böse und teure Überraschungen erleben (siehe Fukushima). Fazit: Wer sich mühsam ein Vermögen erarbeitet und das Risiko tödlicher alternativer Pfade vermeidet, hat einen höheren Wert geschaffen als der Spieler. Weil man das aber den 10 Millionen Euro nicht ansieht, wäre es wohl naiv zu glauben, dass über solche rationale Überlegungen Verhaltensänderungen möglich wären - schon gar nicht in großen Organisationen.
In diesem Sinne spielen viele Organisationen frohen Mutes russisches Roulette.

Ihr Heinz Arnold


P.S.: Wer als Einzelperson nicht arbeiten will, kann allemal Russisch-Roulette spielen. Gewinnt er, wird er reich. Und wenn er sich erschießt, muss er erst recht nicht mehr arbeiten. Nennt man im Geschäftsleben so etwas nicht eine Win-Win-Situation?