Kommentar Die Leistungselektronik ist raus aus der Nische

Engelbert Hopf, Chefreporter Markt&Technik
Engelbert Hopf, Chefreporter Markt&Technik

Wenn eine Fachmesse allmählich aus allen Nähten zu platzen droht, dann dürfte das als untrügliches Zeichen dafür zu werten sein, dass eine Branche mächtig unter Dampf steht. Bei der Leistungselektronik ist das derzeit der Fall. Alljährlich wird Nürnberg für drei Tage zum Mekka dieser Branche in Europa.

Zeigte die PCIM schon im Vorjahr – nach der Krise 2009 – starke Erholungszeichen, so hat sie in diesem Jahr noch einmal kräftig zugelegt. Um gut 20 Prozent wuchs die Zahl der Aussteller. Mit knapp 300 Ausstellern dürften nun die Kapazitäten der Messehalle 12 in Nürnberg erreicht sein. Früher als geplant müssen sich Messeveranstalter und Messegesellschaft nun wahrscheinlich Gedanken über neue räumliche Möglichkeiten für die PCIM Europe 2012 machen.

Vielleicht fällt ja mit dem Aussteller- in diesem Jahr auch noch der Besucherrekord? Wenn mehr Fachinteressenten als bisher den Weg nach Nürnberg finden, dann dürfte das vor allem mit drei Themen zu tun haben: E-Mobility, Smart Grids und Energieeffizienz. Waren Leistungselektronik, intelligente An­triebstechnik und Power Quality in der Vergan­genheit etwas für Spezialisten, gehören diese Themen inzwischen zu dem alles überspan­nenden Topic Energieeffizienz und nachhalti­ger Umgang mit den zur Verfügung stehenden Energieressourcen. Sie sind die bestimmenden Themen nicht nur der Elektronikbranche.

In Nürnberg – und das ist das ungebrochene Erfolgsgeheimnis der PCIM – erhalten Interes­senten direkte Hilfe bei der Lösung ihrer Auf-gaben rund um die Leistungselektronik. Und die Zahl der Interessenten wird immer größer. Es sind eben nicht mehr nur die klassischen Antriebshersteller, die sich mit der möglichst effizienten Nutzung von Strom und Spannung auseinandersetzen müssen.

Die Themen LED-Lightning und E-Mobility sind nur die nahe liegendsten Aufgabenberei­che, in denen das Wissen und Know-how der Leistungselektronik-Spezialisten heute und in Zukunft gefragt ist. Mit der kontinuierlich fort­schreitenden Durchdringung unserer Lebens- und Umwelt mit elektronischen oder elektri­schen Lösungen steigt der Anteil der Leistungs­elektronik. Jeder Ersatz einer mechanischen oder pneumatischen Lösung etwa im Automo­bil-Bereich lässt den Bedarf an leistungselek-tronisch basierten Lösungen weiter anwach­sen. Mit der Inverterisierung der Weißen Ware steht zudem in den nächsten Jahren ein weite­rer weltweiter Anstieg des Bedarfs an Leis­tungselektronischen Lösungen bevor.

Mit der wachsenden Bedeutung der Leis­tungshalbleitertechnik steigt auch deren Ab-hängigkeit von allgemeinen Halbleitertrends. Entwickelte sich die Leistungshalbleiterei über Jahrzehnte kontinuierlich in einer Marktni­sche, die wenig von Zyklen geprägt war, begin­nen sich seit einigen Jahren die besonderen »Gesetze« des Halbleitermarktes auch auf die Leistungshalbleiterei auszuwirken.

Doch unabhängig davon konzentrieren sich die führenden Player der Branche derzeit vor allem erst einmal darauf, ihre Lieferfähigkeit durch den Ausbau ihrer Front- und Backend-Fertigungskapazitäten wieder zu verbessern. »Partielle Allokation« – dieser Begriff dürfte für wenige Teilbereiche der Halbleiterbranche in den letzten Jahren so zutreffend gewesen sein wie für die Leistungshalbleiterei. Leistungs­halbleiterlösungen für Lokomotiven und Schie­nenfahrzeuge waren beispielsweise auch im Weltwirtschaftskrisenjahr 2009 knapp.

Derzeit gibt es niemanden, der nicht mit einer positiven Entwicklung des Leistungselek­tronik- und Leistungshalbleitermarktes in den nächsten Jahren rechnet. Bleibt zu hoffen, dass die Investitionen der Halbleiterhersteller in ih­re Produktionskapazitäten für eine baldige Ent­spannung der Lieferkette sorgen. Über die Er­gebnisse dieser Anstrengungen können sich Hersteller und Interessenten ja vielleicht schon im nächsten Jahr in neuen Räumlichkeiten auf dem Nürnberger Messegelände unterhalten.

Ihr Engelbert Hopf