Umstrittene Marktstudie Die Halbleiterindustrie verzeichnet wieder höchste Profitabilität

Das Marktforschungsunternehmen iSuppli hat in einer seiner letzten Analysen festgestellt, dass das weltweite Halbleitergeschäft derzeit profitabler ist als in den letzten zehn Jahren. Was steckt hinter dieser Behauptung und welchen Nutzen hat sie?

Das Marktforschungsunternehmen hat ermittelt, dass die Profitabilität der Halbleiterindustrie im 4. Quartal 2009 auf 21,4 Prozent gestiegen ist und damit das höchste Niveau seit dem vierten Quartal 2000 erreicht hat – damals lag sie bei 24,7 Prozent. Was heißt das? Nutzen die Halbleiterhersteller die Lieferengpässe aus und drehen an der Preisschraube?

Wohl eher nicht. Thomas Grasshoff, »Head of Product Management« von Semikron, sieht dafür im Markt mit Leistungshalbleitern keine Chance. Er glaubt, dass sich iSuppli mit seiner Prognose in erster Linie auf den allgemeinen Halbleitermarkt und vor allem auf den Speicher- und IC-Bereich bezieht, die beide sehr stark kapazitätsgetrieben sind. »Der Leistungshalbleiterbereich als Nische im Halbleiter-Geschäft bietet nicht solche großen Stellschrauben«, stellt er fest, »in diesem Bereich sind die Umsätze relativ klein, das gilt auch für die Größe der Fertigungsstätten«.

Grasshoff hält die Aussage von iSuppli aus diesem Grund für unseriös und wenig zielführend. Woher, so seine Frage, soll der plötzliche Gewinnsprung im 4. Quartal 2009 gekommen sein? Wie er betont, hat sich die Auftragslage im Leistungshalbleiterbereich vor allem im 1. Quartal 2010 verbessert. Eine Erklärung für das iSuppli-Ergebnis könnte deshalb nach seiner Einschätzung darin zu suchen sein, »dass die Kapazitäten und damit die Fixkosten 2009 heruntergefahren worden sind, bei größeren Aufträgen kann das in der Folge natürlich eine verbesserte Gewinnsituation bedeuten«. Diese Einschätzung deckt sich mit einer Aussage, die 2009 auf dem Halbleiterforum der Markt&Technik gemacht wurde: Dort wurde die Frage diskutiert, ob angesichts des bevorstehenden Wachstums in diesem Jahr eine Preissteigerung möglich sei. Damals waren sich die Hersteller einig, dass kein Raum für Preissteigerungen bestünde, die Profitabilität aber auf alle Fälle steigen werde, einfach aufgrund besser ausgenutzter Kapazitäten.

Was sagen die IC-Hersteller?

Wie beurteilen die großen IC-Hersteller die Situation? Sind mit dem jetzt prognostizierten Wachstum von 20 + x Prozent Preissteigerungen möglich? »Ein Umsatzwachstum von 20 Prozent reicht auf alle Fälle aus, die Preise zu stabilisieren. Das ist schon deshalb notwendig, weil jeder auch Geld verdienen muss, um investieren zu können« so die doch eher ernüchternde Antwort von Otto Kosgalwies, »Executive Vice President Company Infrastructures and Services« bei STMicroelectronics.

Allerdings ist er der Überzeugung, dass die Stabilisierung der Preise nicht von kurzfristiger Natur ist, einfach weil zu viele Kapazitäten abgeschaltet wurden und es nicht möglich ist, zusätzliche Fertigungskapazitäten kurzfristig aufzubauen. »Egal wo man hinsieht, keiner kann liefern. Das gilt für die Lieferanten unserer Lieferanten, für unsere Lieferanten, für uns, für unsere Kunden und für die Kunden unserer Kunden.« Derzeit hätten alle Halbleiterhersteller Probleme damit, die angeforderte Ware liefern zu können.

Zudem sind laut Kosgalwies auch alle Foundries ausverkauft – das gelte nicht nur für 300-mm-, sondern auch für die 200-mm-Kapazitäten. »Um die leer gefegte Lieferkette wieder auf ein vernünftiges Niveau zu bringen, sind mindestens drei bis vier Monate notwendig«, so Kosgalwies weiter.

Ähnlich argumentiert Steve Wainwright, »General Manager EMEA, Vice President Sales & Marketing« bei Freescale Semiconductor. Auch er erteilt Preissteigerungen eine eindeutige Abfuhr: »Natürlich hat eine Umsatzsteigerung auch Auswirkungen auf die Ertragslage. Aber das ist eher ein mechanischer Effekt, denn die Ertragslage verbessert sich automatisch, wenn die Fabriken besser ausgelastet sind.« Aus seiner Sicht müssten in einer hochgradig zyklischen Periode, wie sie derzeit durchlaufen wird, ganz andere Variablen in Betracht gezogen werden. »Freescale hat langjährige, stabile Beziehungen zu seinen Kunden, und wir nutzen die Situation selbstverständlich nicht aus, um unsere Preise zu erhöhen«, so Wainwright. »Unser Hauptanliegen besteht derzeit vielmehr darin, alle nur möglichen Anstrengungen zu unternehmen, um die Produkte zu liefern, die unsere Kunden brauchen.« Man habe bereits diverse Initiativen ergriffen, einschließlich signifikanter Kapitalinvestitionen, um die Fertigungskapazitäten mit der Nachfrage in Übereinstimmung zu bringen. Wainwright: »Damit bringen wir uns in eine Position, in der wir von der anziehenden Nachfrage und der besseren Auslastung profitieren und Marktanteile gewinnen können.«

Wie schwierig die Liefersituation immer noch ist, lässt sich aus den folgenden zwei kurzen Sätzen von Kosgalwies ablesen: »Es gibt nichts, was nicht knapp ist« und »Die Lieferkette ist so leer wie noch nie.«

Die Liefersituation hat sich im Vergleich zu Dezember 2009 also deutlich verschärft. »Mittlerweile hat die Nachfrage in allen Regionen und allen Applikationen angezogen. Selbst im Automotive-Segment zeigen sich seit letztem Quartal wieder wirkliche Wachstumssignale«, erklärt Kosgalwies. 2009 hatten die Hersteller der zweiten Hälfte 2010 mit deutlich gemischteren Gefühlen entgegengesehen. Nun aber geht Kosgalwies davon aus, dass auch im Sommer kein Einbruch zu befürchten sei: »Derzeit gibt es überhaupt keine Anzeichen dafür, dass der Markt wieder ins Negative dreht. Und weil es noch mindestens drei bis vier Monate dauern wird, bis die Lieferkette wieder aufgefüllt ist, kann im dritten Quartal gar kein Einbruch passieren.«

Ähnlich positive Erwartungen hat Rob Green, President und CEO von Renesas Electronics Europe: »Die Auftragsbücher sind für das erste Halbjahr ziemlich voll, so dass wir davon ausgehen, dass das Geschäft in diesem Jahr um 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr wachsen wird. Die starke Erholung der Elektronikindustrie in Europa basiert auf zwei Faktoren: einer noch ziemlich fragilen Erholung der europäischen Wirtschaft und einem Impuls seitens des Exportes nach China und Asien.«