Kommentar Der Paranoide überlebt – und gewinnt?

Heinz Arnold, Chefredakteur, HArnold@markt-technik.de

Hohe Speicherpreise lassen die Flash- und DRAM-IC-Hersteller kräftig in den Ausbau der Kapazitäten investieren. Ist das paranoid?

NAND-Flash-Speicher-ICs sind derzeit knapp – es sieht nicht so aus, als ob die Produktion den Bedarf demnächst decken könnte. Die Preise steigen munter. Dass der Halbleitermarkt in diesem Jahr die Umsatzschwelle von 400 Mrd. Dollar wohl deutlich überspringen wird, ist zu einem guten Teil der Preisentwicklung der DRAMs und NAND-Speicher zu danken. Kein Wunder, dass die Speicherhersteller von dieser für sie angenehmen Situation so viel wie möglich profitieren wollen – denn der nächste Abschwung kommt bestimmt.

Doch im Moment sieht es eher nach dem Gegenteil aus: Die Nachfrage aus dem Server-Markt ist hoch, denn die Sever setzen zunehmend SSD-Karten ein, und auch der Bedarf an NAND-Speichern in Smartphones wächst immer noch rasant. Es kommt also darauf an, jetzt in den Ausbau der Kapazität zu investieren, um fertigen zu können, solange die Preise noch hoch sind. Genau das tut Samsung.

Das Unternehmen hat im zweiten Quartal 2017 Intel vom Thron des größten IC-Hersteller verdrängt. Auch das dürfte zu einem Großteil den NAND-Flash-Speichern zu danken sein. Jetzt investiert das koreanische Unternehmen kräftig in den Ausbau der NAND-Fertigung. Besonders in die Fertigung der neusten 3D-NAND-Speicher fließt viel Geld, unter anderem in den Ausbau der Fab in Pyeongtaek, selbstverständlich jetzt schon eine der größten Fabs der Welt. Denn Samsung ist schon länger der größte Hersteller von NAND-Flash-Speichern – und will diese Position ausbauen.

Also heißt das Motto: viel und schnell investieren. Im DRAM-Markt hatte diese Strategie schon einmal Früchte getragen: „Nur der Paranoide überlebt!“ nannte Andy Grove, der Mitgründer von Intel, sein berühmtes Buch. Da kommt die Nachricht gelegen, dass ASML nach eigener Aussage nun endlich der Durchbruch auf dem Gebiet der EUV-Lithografie gelungen ist: Die Strahlungsquelle sei nun stark genug, um auf einen Wafer-Durchsatz zu kommen, der eine wirtschaftliche Fertigung möglich mache. Ab der 5-nm-Ebene und ab 2018/19 soll es soweit sein. Die Fertigung auf EUV-Maschinen hat Samsung jedenfalls beim Ausbau der neuen NAND-Fabs schon fest vorgesehen. Da dürfte es spannend sein, was mit Toshiba Memory passiert, der NAND-Flash-IC-Sparte, die Toshiba so dringend verkaufen muss, um der Pleite zu entgehen.

Über viele Jahre hat Toshiba die Entwicklung von NAND-Flash-Speicher-ICs mit Hilfe des Joint-Venture-Partners SanDisk vorangetrieben. Jetzt ist das Verhältnis zu Western Digital, zu der SanDisk seit über einem Jahr gehört, nurmehr als zerrüttet zu beschreiben. Kein Wunder, dass Gerüchte umgehen, nach denen Toshiba Memory wegen der Querelen um den Verkauf den technischen Anschluss verlieren könnte.

Western Digital hatte kürzlich einen 96-Layer-3D-NAND-Flash-IC als Ergebnis der Entwicklung innerhalb des Joint-Ventures angekündigt, sicherlich um die technische Spitzenposition unter Beweis zu stellen und auf die eigene Wichtigkeit aufmerksam zu machen, denn Western Digital will selber zu dem Konsortium gehören, das Toshiba Memory am Ende übernimmt. Außerdem verfügt Toshiba über interessante weiter Technologien, beispielsweise Through Silicon Vias, die es ermöglichen, viele Dies übereinander zu stapeln und so Speicher-Chips hoher Kapazität für SSDs fertigen zu können. Aus dem Rennen ist Toshiba Memory also noch nicht.

Ins Rennen hinein wollen chinesische Unternehmen, die – gestützt durch den Staat – offenbar riesige Summen investieren können. Dass China das Potenzial hat, Industrien durcheinanderzuwirbeln, hat sich bereits gezeigt. Ob das im Sektor der Halbleiter im Allgemeinen und in dem der Speicher-ICs im Besonderen nun auch gelingen kann? Wir dürfen gespannt sein. Nur paranoid zu sein, reicht aber auch nicht.

P.S. Zum Profil des Paranoiden gehört: erhöhte Wachsamkeit, überhöhtes Selbstwertgefühl, die Tendenz, eigene Aggressionen den Mitmenschen zuzuschreiben, teilweise narzisstische Persönlichkeitsstörungen. Den anderen unterstellt der Paranoide vor allem böswillige Motive.