SVHC: wer falsch klassifiziert wird, hat Pech gehabt »Das REACH-Verfahren muss transparenter werden«

Gerhard Hirschle
Gerhard Hirschle, UMS GmbH

Die EU will Galliumarsenid (GaAs) als »besorgniserregend« (SVHC) einstufen und damit indirekt verbieten. »Faktisch bringt die Einstufung von GaAs als SVHC-Substanz eine gravierende Wettbewerbsverzerrung für die High-Tech-Industrie der EU und hemmt die Innovation dieser Region«, sagt Gerhard Hirschle, FE Quality- and Environmental Manager von der UMS GmbH.

Markt & Technik: United Monolithic Semiconductors (UMS) in Ulm hat sich auf die Entwicklung und Fertigung von HF-ICs und MMICs auf der Basis von GaAs spezialisiert. Wenn nun GaAs als »Substance of Very High Concern«, kurz SVHC – also als eine besonders besorgniserregende Substanz – klassifiziert wird, welche Pflichten entstehen dann für UMS?

Gerhard Hirschle: Aus der REACH-VO, Artikel 33 folgt dann, dass Produzenten und Lieferanten für SVHC-klassifizierte Stoffe über 0,1 Masseprozent den Abnehmer bzgl. der sicheren Verwendung dieses Erzeugnisses informieren müssen.
Liegt die Jahresproduktion dieses SVHC-Stoffes über 1 Tonne, dann besteht nach Artikel 7 (REACH-VO) eine zusätzliche Meldepflicht an die ECHA.

Wenn ein Kunde nun ein Modul kauft, in dem eine Komponente verbaut ist, die als SVHC-Substanz gelistet ist, dann erhält er diese Information. Wäre das ein Problem für ihn?

Aktuellen Informationen nach möchte die Industrie SVHC-Stoffe umgehend aus der Lieferkette entfernen. Daher wird der Kunde den Lieferanten um sofortige Substitution dieses Stoffes auffordern.
Das bedeutet für die High-Tech-Industrie die Substitution und Qualifikation eines alternativen, ungefährlichen Stoffes, was nicht selten mehr als fünf Jahre dauern kann.

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Wo steckt Galliumarsenid drin?

Der drohende Verbot von Galliumarsenid wirft die Frage auf, wo das Halbleitermaterial momentan überall eingesetzt wird.

Es handelt sich also um kein direktes Verbot, aber Stoffe, die auf der SVHC-Kandidatenliste geführt werden, lassen sich auf dem Markt nicht mehr verkaufen?

Das ist richtig, an den Stoffen haftet dann ein Stigma. Außerdem setzt dann ein Prozess ein – zwei Jahre nach der Klassifizierung als SVHC-Substanz erwartet die Stoffkandidaten ein Autorisierungsverfahren. Hier gilt es den sozio-ökonomischen Nutzen des Stoffes darzustellen, so dass dann befristete Ausnahmegenehmigungen erstellt werden können, bis zu drei Jahre, was aber mit Kosten im sechsstelligen Bereich verbunden ist. In dieser Zeit wird ein »Sunset Date« verkündet, an dessen Ende ein Verbot des Stoffes steht. Nach dieser Zeit muss der Stoff endgültig vom Markt genommen.

Aber GaAs lässt sich ja nicht einfach durch einen anderen Stoff ersetzen. Dann kann der Anwender doch gar nicht darauf verzichten, ein solches Produkt in seinen Systemen weiter zu verwenden?

Er kann dann auf Quellen ausweichen, die außerhalb der EU produzieren. Bis die REACH-Regulierungen in den Regionen außerhalb der EU greifen, dauert es erfahrungsgemäß ein paar Jahre und in dieser Überganszeit haben die Firmen, die hier produzieren, einen ernsthaften Wettbewerbsnachteil.

UMS fertigt HF-ICs auf Basis vom GaAs. Müsste das Unternehmen die Produktion einstellen, wenn GaAs auf der SVHC-Liste landet?

Es werden bereits andere Verbundhalbleiter (GaN) entwickelt, die aber nicht alle Applikationen von GaAs abdecken werden. Hier wird sicherlich versucht werden zeitnah alternative Lösungen anzubieten. Faktisch bringt die Einstufung von GaAs als SVHC-Substanz eine gravierende Wettbewerbsverzerrung für die EU High-Tech Industrie und hemmt die Innovation dieser Region.

Ihrer Meinung nach sind bei der Einstufung von GaAs nach der CLP-VO fachliche Fehler unterlaufen. Sind die nicht korrigierbar?

Wir haben mehrfach auch über Verbände die ECHA und die EU-COM über diese Verfahrensfehler schriftlich informiert. Nun haben wir am 12. September 2011 einen halbtägigen Workshop bei der ECHA mit den RAC Experten zum Austausch der neuesten wissenschaftlichen Daten bzgl. GaAs bekommen. Wir hoffen sehr auf einen sachlichen und fairen Ablauf dieses Workshops.