Kommentar Bauteilverknappung erreicht im Oktober den Gipfel

Engelbert Hopf, Chefreporter Markt&Technik

Im Oktober erreicht die Bauteilverknappung voraussichtlich ihren Höhepunkt. Einkäufer mit Hang zum Risiko, könnten darauf setzen, dass sich die Bauteilverfügbarkeit danach zum Ende des Jahres deutlich verbessert.

Gehören Sie auch zu denen, die im November, Dezember zu den möglichen Gewinnern einer guten Kiste Wein oder Champagner gehören? Wenn ja, dann haben Sie wie andere wahrscheinlich darauf gewettet, dass sich die Beschaffungssituation auf dem Bauteilemarkt spätestens ab November sehr deutlich entspannen wird. Wie zu hören ist, laufen in den Einkaufsabteilungen zahlreicher Unternehmen offenbar entsprechende Wetten.

Glaubt man den Auguren, dann wird im Oktober die Spitze der Bauteilverknappung erreicht. Erfahrungsgemäß geht es nach dem Erreichen der Bergspitze wieder talwärts, die Frage ist nur, wie steil? Wie schnell der Abstieg ausfällt, hängt davon ab, ob der Markt wirklich mit Doppel- und Dreifachbestellungen aufgebläht wurde, wie anno 2000/01. Sollte es wirklich so sein, dann dürften sich die Lieferzeiten wohl in Rekordzeit auf Normalniveau korrigieren. Lieferzusagen für 2013/14 bleiben dann nur als albtraumartiger Spuk im Gedächtnis.

Doch was bedeutet in diesem Zusammenhang eigentlich Rückkehr zur Normalität? Sicher, das Jahr 2009 war eine Ausnahme, aber entsprach die Situation des Jahres 2008 wirklich einer längerfristigen Normalität? Wohl kaum. Über mehrere Jahre hinweg erfreute sich nicht nur die deutsche Elektronikindustrie einer äußerst guten Nachfrage. Einige Anwenderbranchen durchschritten sogar absolute Boomphasen. In einigen Industriebereichen wurde zusätzliches Wachstum nur durch den Mangel an qualifizierten Mitarbeitern verhindert.

Eine Situation, die einige Warner für den deutschen Arbeitsmarkt schon wieder spätestens 2011 heraufziehen sehen. Dass die Zahl der Arbeitslosen im nächsten Jahr unter 3 Mio. sinken wird, ist mehr als erfreulich! Schade nur, dass diese Entwicklung möglicherweise nicht nur das dynamische Wachstum der deutschen Elektronikindustrie einbremsen könnte. Gleichzeitig bringt uns diese erfreuliche Nachricht zurück zur Frage: Was ist Normalität?

Nach der Achterbahnfahrt der letzten zwei Jahre dürfte Normalität sowohl für die Entwicklung, den Einkauf, als auch den Vertrieb etwas sein, an das es sich wieder zu gewöhnen gilt. Einen Beitrag zur Normalität kann die Visibility leisten. Doch zuverläs-sige Einschätzungen darüber, wie sich Angebot und Nachfrage über einen Zeithorizont von drei Monaten hinaus entwickeln werden, sind kaum zu bekommen. Es gilt weiter: Fahren auf Sicht, wandern im Nebel. Doch ohne realistische mittelfristige Einschätzungen wird es keine Rückkehr zu einer wie immer gearteten Normalität geben.

Zwar scheint das Gespenst des Double-Dip gebannt. Begründet wird das unter anderem damit, dass einige Industriezweige erst jetzt von der Markterholung partizipieren und damit für eine zusätzliche Belebung auf dem Markt sorgen dürften. Gleichzeitig gilt aber auch, dass die großen Bedarfsträger nach wie vor große Schwankungen aufweisen. Eine zuverlässige Abschätzung der nahen zukünftigen Entwicklung bleibt damit ein äußerst schwieriges Unterfangen.

So seltsam es klingen mag, es fehlt auch nach der furiosen Aufholjagd dieses Jahres, nachdem der Bedarf von eineinhalb Jahren in einen 12-Monatsrahmen gepresst wurde, an Vertrauen. Vertrauen in die Zuverlässigkeit der Handels- und Geschäftspartner. Der Begriff Nachhaltigkeit wurde in der jüngsten Vergangenheit vielseitig strapaziert, doch genau darin dürfte ein Schlüssel zur Normalität liegen. Rückkehr zur Normalität bedeutet Kalkulierbarkeit und Zuverlässigkeit. Ohne sie wird sich das Marktgeschehen auch in Zukunft volatil gestalten – mit allen damit verbundenen negativen Effekten.

Fieberkurvenartig verlaufende Branchenentwicklungen mögen für Spekulanten und den einen oder anderen Wettgewinner von Reiz sein, Vertrauen in eine Branche nähren sie nicht. Trouble-Shooting sollte die Ausnahme, nicht die Normalität in einer Geschäfts- und Kundenbeziehung sein.

Ihr Engelbert Hopf