Schweizer Elektronikindustrie setzt auf weitere Abwertung des Schweizer Franken Angst der Anleger schwächt die Wettbewerbsfähigkeit

Der Schweizer Franken auf Rekordniveau, sinkende Auftragseingänge seit dem 2. Quartal 2011. Die Schweizer Elektronikindustrie kämpft massiv um ihre Wettbewerbsfähigkeit. Fertigungsverlagerungen werden aber bislang nicht in Erwägung gezogen.

Rund 80 Prozent der Produktion im Schweizer Maschinenbau sowie der Elektro- und Metallindustrie gehen in den Export. Kein Wunder, dass der Export der Schweizer Elektro- und Elektronikindustrie unter dem Eindruck der starken Frankenaufwertung im Zuge der Euro-Schuldenkrise und der Angst vor einer Rezession in den USA massiv unter Druck kam. Lagen die Auftragseingänge im ersten Quartal 2011 noch im Plus, drehten sie mit dem 2. Quartal ins Minus. Als der Schweizer Franken im August auf Rekordhöhen kletterte, bestand akuter Handlungsbedarf.

Um der negativen Trendwende Einhalt zu gebieten, traf die Schweizer Nationalbank Anfang September die bislang einmalige Entscheidung, den Wechselkurs des Schweizer Franken bei einem Kurs von 1,20 CHF/Euro direkt an den Euro zu binden. Eine Maßnahme, die Swissmem, der Verband der Schweizer Metall-, Elektro- und Metallindustrie, uneingeschränkt unterstützt. Für Swissmem stellt ein Kurs von 1,20 CHF/Euro jedoch nur ein erstes Etappenziel auf dem Weg zu einer weiteren Schwächung des Schweizer Franken dar.

In den Augen von Dr. Andreas Gontermann, Chef-Volkswirt des ZVEI, stellt der starke Franken und die von der Schweizer Nationalbank eingeleiteten Maßnahmen in erster Linie ein Schweizer Problem dar. Grundsätzlich kritisch bewertet er jedoch aus Sicht der deutschen Elektroindustrie die Maßnahme, den Wechselkurs des Schweizer Franken an den Euro zu binden: »Währungsmanipulationen sind letztlich immer ein Nullsummenspiel, ein Staat wertet seine Währung künstlich ab, um Exportnachteile auszugleichen. Erfahrungsgemäß lässt dann die Reaktion der Handelspartner nicht lange auf sich warten«. Zwar weist Dr. Gontermann darauf hin, dass sich Währungsturbulenzen auch in wenigen Wochen wieder legen könnten: »Sollte das nicht der Fall sein, laufen die eingeleiteten Maßnahmen Gefahr, weitere Handelsrestriktionen, wie etwa die Erhebung von Zöllen, nach sich zu ziehen«. Spätestens dann könnte sich eine Eskalationsspirale in Gang setzen, die in den freien Handel eingreift.

An radikale Maßnahmen - etwa die sukzessive Verlagerung der Produktion aus der Schweiz in den Euro-Raum - denken derzeit aber offenbar die wenigsten Schweizer Unternehmen der Elektro-Industrie. Intelligente Lösungen sind gefragt. »Wenn man wie wir in der Schweiz herstellt, muss man das natürlich allein aufgrund der Währungssituation hinterfragen«, versichert Florian Schildein, Leiter Vertrieb und Marketing sowie Mitglied der Geschäftsleitung des SMT-Maschinenbauers Essemtec. Zwar sei der starke Schweizer Franken nicht gerade ein Exportvorteil, »nichtsdestotrotz wird es nicht dazu kommen, dass wir die komplette Produktion auslagern«. Schließlich sei »Swiss
Made« ein internationales Gütesiegel: »Das können und wollen wir nicht einfach streichen!« Schildein ist sich aber sicher, dass es in Zukunft schon den einen oder anderen Zulieferer geben wird, der Essemtec zukünftig aus dem Euro-Raum heraus beliefern wird.

In den Augen von Dr. Martin Kunschert, Geschäftsführer und General Manager des Relais-Spezialisten Elesta relays in Bad Ragaz, liegt die Lösung für das Wechselkursproblems für sein Unternehmen vor allem in drei Punkten: Innovation, Lean Production und Natural Hedging. Letzteres bedeutet, dass Elesta relays schon in den letzten Jahren immer stärker im Euro-Raum eingekauft hat. »Dadurch trifft uns der momentan hohe Frankenkurs nicht so stark«, meint Dr. Kunschert zufrieden, »nichtsdestotrotz können wir uns den Weltwährungsmärkten nicht entziehen. Derzeit kompensieren wir die Situation«.

Von keiner leichten Situation auf dem Schweizer Elektronikmarkt spricht auch Holger Ruban, der sich seit kurzem als Regional Sales Director Central Europe bei Farnell verantwortlich zeichnet. »Der Schweizer Export ist etwas eingebrochen, das bekommen wir auch hier zu spüren, weil weniger bestellt wird«, schildert er seine Eindrücke, »wir werden als Reaktion auf diese Entwicklung die Preise anpassen«.

Engelbert Hopf, Erich Schenk, Karin Zühlke