Renesas Electronics Ambitionierte Ziele

Bunsei Kure, Renesas Electronics(2.v.r): »Ich bin nicht der Meinung, dass alle Headquarter-Funktionen in Japan angesiedelt sein müssen. Geht es um ADAS ist Europa beispielsweise führend. Ich möchte deshalb mehr Center-of-Excellence-Funktionen nach Europa verlagern, weil hier die Trendsetter sitzen.«

Nach Jahren der Umstrukturierung, schlechten Zahlen und kurzen Verfallszeiten für CEOs hat Renesas Electronics mit Bunsei Kure, Representative Director, President and CEO von Renesas Electronics, anscheinend endlich den Kopf gefunden, der das Unternehmen zu alter Stärke zurückführen kann.

Markt & Technik sprach mit ihm unter anderem über die Wachstumsstrategie und die Übernahme von Intersil.

Markt & Technik: Wo steht Renesas heute?

Bunsei Kure: Wir wollen uns noch stärker auf unsere definierten strategischen Gebiete konzentrieren. Bereits heute erzielen wir 90 Prozent unseres Umsatzes in diesen strategischen Segmenten. Wir haben in den letzten drei Jahren unsere Umsätze in den nichtprofitablen und nicht konkurrenzfähigen Bereichen deutlich gesenkt. Auf das Geschäftsjahr 2015 bezogen zeigt sich, dass wir rund 50 Prozent unseres Umsatzes bereits mit Produkten erzielen, in denen wir die Nummer 1 im Markt sind. Bei einem Drittel dieser Produkte ist unser Umsatz um einen Faktor von über 1,5 größer als der Umsatz der Nummer 2 im Markt.

Die Wachstumsstrategie bis 2020 steht fest, welche Ziele haben Sie sich vorgenommen?

Ein Ziel besteht darin, dass wir in unseren strategischen Gebieten zweimal so stark wie der Markt wachsen wollen. Darüber hinaus haben wir unsere Ziele für die Bruttomarge und die operative Gewinnmarge angehoben. War bislang das Ziel, bis 2020 eine Bruttomarge von 45 Prozent und eine operative Gewinnmarge von 15 zu erreichen, sind es jetzt 50 beziehungsweise 20 Prozent.

Das klingt sehr ambitioniert…

Aber machbar. Denn wir haben bereits im letzten Jahr eine Bruttomarge von 45 Prozent erreicht, drei Jahre vor unserem eigenen Plan. Diese Entwicklung war vor allem aufgrund des schwachen Yens möglich. Dieses Jahr hatten wir zwar ein paar Schwierigkeiten, zum einen durch den wieder erstarkten Yen und durch das Erdbeben, aber das dritte Quartal sah schon wieder gut aus. Also sind die neuen Vorgaben durchaus machbar. Die Hälfte dürften wir über Synergieeffekte erreichen, die sich durch die Übernahme von Intersil realisieren lassen. Die andere Hälfte basiert auf diversen Einzelmaßnahmen, wie zum Beispiel eine Reduzierung der Herstellungskosten durch eine bessere Nutzung von Foundries.

Sie sprechen von strategisch wichtigen Gebieten, welche meinen Sie konkret und wie positioniert sich Renesas dort?

Automotive ist für Renesas der wichtigste Absatzmarkt, dort erzielen wir die Hälfte unseres Umsatzes. Wenn man alle Produktgruppen zusammenzählt ist NXP derzeit der größte Halbleiterhersteller im Automotive-Markt, aber wenn es um MCUs/MPUs/SoCs geht, sind wir immer noch mit großem Abstand die Nummer 1 im Markt. Hier halten wir einen Marktanteil von 47 Prozent. Darüber hinaus sind wir auch von der Prozesstechnik unserer Konkurrenz gegenüber überlegen. In unserer modernsten Naka-Fab fertigen wir ICs mit Strukturgrößen bis hinunter zu 40 nm und zwar bereits in Serie. Derzeit entwickeln wir unsere 28-nm-Technologie, Produkte mit diesen Strukturgrößen werden aber nur noch bei Foundries gefertigt. Verglichen mit unseren größten Konkurrenten sind wir also ein bis zwei Prozessgenerationen voraus. Und wir haben mit MONOS-Flash eine Flash-Technik, die skalierbar ist, auch das ist eine Besonderheit. Unser Ziel: Wir wollen unseren Marktanteil mit MCUs/MPUs/SoCs bis 2020 auf 60 Prozent erhöhen.

Wo sehen Sie im Automotive-Bereich die größten Wachstumschancen?

In zwei Bereichen: E- und Hybridfahrzeuge und ADAS-Anwendungen. Laut Strategy Analytics sollen diese beiden Segmente bis 2020 ein durchschnittliches Jahreswachstum von fast 20 Prozent aufweisen. China entpuppt sich zum Trendsetter bei E-Fahrzeugen. Wir wollen dort innerhalb der nächsten Jahre zu einem der führenden Anbieter für Inverter werden, indem wir optimierte Motorsteuereinheiten mit unseren MCUs, IGBTs und Treibern entwickeln und anbieten.

ADAS-Anwendungen schreiben sich aber alle Halbleiterhersteller auf die Fahnen…

Ja, natürlich gibt es hier Konkurrenz. Aber Renesas ist in einem Punkt absolut einzigartig: Wir sind die einzigen, die die komplette Kette, also Sensing, Cognitive, HMI und Steuerung abdecken können. Für alle Bereiche haben wir robuste Lösungen und das spiegelt sich auch in wichtigen Design-Ins wider. Da wir die komplette Kette abdecken, vom Signaleingang bis hin zum Aktuator beziehungsweise zur Steuerung, können wir auch die Qualität der Komplettlösung garantieren und das ist nicht ganz ohne, denn entlang der Kette gibt es viele Schnittstellen.

Das könnte sich aber mit der bevorstehenden Übernahme von NXP durch Qualcomm ändern, dann dürfte auch dieses Unternehmen in der Lage sein, alle Bereiche abzudecken…

Die Konkurrenz wird zunehmen, klar. Und es gibt natürlich keine Garantie dafür, dass wir gewinnen, aber auch keinen Grund dafür, dass wir verlieren. Denn auch dann ist unsere Konkurrenz in vielen Bereichen immer noch mindestens eine Technologiegeneration hinter uns.

Renesas will am E-Fahrzeuge-Boom partizipieren. In diesem Bereich spielen Leistungshalbleiter eine wichtige Rolle. Renesas hat zwar eigene Leistungshalbleiter, aber bislang spielt das Unternehmen in dieser Produktkategorie eine eher kleinere Rolle. Werden Sie hier in Zukunft stärker aktiv?

Ja, IGBTs für EV und HEVs zählen zu den strategischen Gebieten, wo wir stark sein wollen. Wir sind hier noch nicht groß, das stimmt, aber wir wollen hier ganz groß werden. Das gilt besonders für China. Hier werden wir eigene Entwicklungen vorantreiben.