Interview Allianz zwischen Kemet und NEC Tokin nimmt Fahrt auf

Per-Olof Loof, Kemet: »Das Schöne an der Allianz mit NEC Tokin ist, wir ergänzen uns sowohl im Hinblick auf die Produktportfolios als auch die Absatzmärkte und -regionen. Wir profitieren von ihrem Know-how in Sachen Material Technologie, sie von unserem weltweiten Marketing- und Vertriebsnetz.«
Per-Olof Loof, Kemet: »Das Schöne an der Allianz mit NEC Tokin ist, wir ergänzen uns sowohl im Hinblick auf die Produktportfolios als auch die Absatzmärkte und -regionen. Wir profitieren von ihrem Know-how in Sachen Material Technologie, sie von unserem weltweiten Marketing- und Vertriebsnetz.«

Kemet und NEC Tokin ergänzen sich perfekt. Mit einer neuen Fab in Mazedonien stärkte Kemet-CEO Per-Olof Loof zudem die Stellung seines Unternehmens in Europa.

Markt&Technik: Vor kurzem haben Sie angekündigt, den europäischen und globalen Vertrieb von Genf nach München zu verlagern. Was sind die Gründe für diesen Schritt?

Per-Olof Loof: Genf war vor allem in Vor-EU-Zeiten ein sehr beliebter Standort für die Headquarters amerikanischer Unternehmen. Heute ist es aber so, dass unser Geschäft in Deutschland ist. Das ist ein Riesenmarkt für uns, der eine starke Präsenz erfordert. Wir haben bereits eine Niederlassung in München, sie ist von Charlotte aus mit Direktflügen zu erreichen. Der Umzug nach München macht das Geschäft für uns einfacher, und Genf ist auch ein wenig teurer als München.

Sie haben im letzten Jahr bereits mit der Eröffnung eines neuen Werks in Mazedonien Ihre Präsenz in Europa weiter ausgebaut. Mazedonien war bislang ein eher ungewöhnlicher Fertigungsstandort für Europa. Warum haben Sie sich für dieses Land entschieden?

Wir hatten bereits eine Fertigung in Bulgarien, einem Nachbarland von Mazedonien. Dort hatten wir aber das Problem, dass wir in diesem Teil Bulgariens nicht genügend technisch versierte Mitarbeiter finden konnten, um unser Werk über das Bestehende hinaus auszubauen. Ich bin über eine »Invest in Macedonia«-Kampagne auf die Möglichkeit eines neuen Standortes aufmerksam geworden. Wir haben inzwischen unser Werk in Skopje eröffnet und beschäftigen dort heute schon 100 Mitarbeiter. Mit der dortigen Universität haben wir auch die Gewähr, in Zukunft ausreichend qualifiziertes Personal zu bekommen, um die Fabrik weiter auszubauen. Wir werden weitere Linien unseres Film- und Elektrolyt-Geschäfts aus anderen Regionen der Welt nach Skopje verlagern und diesen Standort weiter ausbauen.

2012 haben Sie nicht nur die Präsenz von Kemet in Europa erhöht, Sie sind Mitte März 2012 auch eine Allianz mit NEC Tokin eingegangen. Wie stellt sich hier die aktuelle Situation dar?

Wir haben gerade den ersten Schritt zur Umsetzung dieser Allianz mit einer 50-Millionen-Dollar-Injection in NEC Tokin fahrplanmäßig erfüllt. Beide Unternehmen hatten, wie in der vor einem Jahr unterzeichneten Absichtserklärung festgeschrieben, alle dafür notwendigen Zustimmungen von Regierungs- und Kundenseite eingeholt.

Welche Perspektive bietet die Allianz von Kemet und NEC Tokin, wenn sie in der beabsichtigten Form in drei Schritten vollzogen wird?

NEC Tokin ist fast so groß wie Kemet, es entsteht damit also ein Unternehmen, das sich ein mittelfristiges Umsatzziel von 2 Milliarden Dollar setzen kann und damit zu einem absoluten Schwergewicht in unserer Branche wird. Durch diesen Schritt erhalten wir zudem Zugang zu einem Markt, in dem wir bislang eine Präsenz von Null hatten: Japan. NEC Tokin balanciert unser Geschäft international wieder stärker in Richtung Asien aus.

Große Überschneidungen im Hinblick auf das Produktportfolio, die Abnehmerbranchen oder die regionale Präsenz gibt es nicht?

Nein. NEC Tokin hat bislang keine starke Präsenz außerhalb Asiens, hier werden wir unsere Erfahrung im Global-Operations-Management einbringen. Gleichzeitig profitieren wir von NEC Tokins Material-Technologien. Die Allianz verschafft uns eine deutlich höhere Kapazität im Bereich der Polymer-Kondensatoren, speziell im Bereich der kleineren Produkte und Bechergrößen. Gleichzeitig erhöhen sich unserer Fähigkeiten im Bereich kundenspezifischer Lösungen. Wie wir verfügt auch NEC Tokin über ein großes Automotive-Geschäft, zum Teil mit denselben Kunden. Wir werden der Automotive-Branche in Zukunft ein noch größeres Spektrum an Lösungen anbieten können. Ähnliches gilt für den Bereich der Power-Solutions. Bislang bieten wir hier passende Kondensatoren an, mit NEC Tokin können wir unseren Kunden nun auch die entsprechenden magnetischen Lösungen bieten.

Stichwort Polymer-Kondensator. Sie haben vor kurzem eine neue Serie von COTS-Polymer-Kondensatoren vorgestellt. Wie wichtig ist der Militär-, Luftfahrt- und High-Rel-Bereich für Kemet?

Wir erzielen etwa 7 Prozent unseres Umsatzes in diesem Bereich. Es handelt sich um einen sehr stabilen Markt, der häufig auf MnO2-Kondensatoren zurückgreift. Mit unseren COTS-Polymer-Kondensatoren bieten wir unseren Kunden die Möglichkeit, bis zu 90 Prozent weniger Kondensatoren zu verwenden als bisher. Zugleich erlauben die niedrigeren ESR-Werte und die geringere Verlustleistung eine dreimal so hohe Wechselstrombelastbarkeit wie bei vergleichbaren MnO2-Kondensatoren.

Sie sprachen zuvor von einem starken Automotive-Geschäft. Wie verteilt sich aktuell der Umsatz von Kemet, der im letzten Geschäftsjahr knapp 1 Milliarde Dollar betrug?

Unser größtes Umsatzsegment ist eindeutig der Industriemarkt. Sein Anteil liegt bei 25 Prozent. Der Automotive-Anteil und das Base-Station-Geschäft liegen etwas darunter. 15 Prozent unseres Umsatzes erzielten wir zuletzt im Computerbereich, 10 Prozent im Consumer-Segment und 6 Prozent in der Medizinelektronik. Wegen der starken Preissensitivität des Consumer-Geschäfts zählt dieses Segment nicht zu unseren Wachstumsbranchen.

Mit Mali lenkt derzeit gerade ein anderer afrikanischer Staat die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf sich, in der Vergangenheit war es häufig die Demokratische Republik Kongo, Stichwort Blut-Tantal. Kemet ist stark im Tantal-Bereich, wie gehen Sie mit dieser Herausforderung um?

Wir haben uns im Rahmen des Dodd-Frank Act 1502 hierzu klar positioniert. Wir treiben unser Engagement in der Initiative »Partnership for Social and Economic Sustainability« voran. Wir sind eine Partnerschaft mit der Mine bei Kisengo, in der konfliktfreien Provinz Katanga der Demokratischen Republik Kongo, eingegangen. Wir setzen bei der Förderung und dem Transport des Erzes auf das »Bag-and-Tag«-System, um sicherzustellen, dass sich niemand an dem Material bereichert oder es für seine Zwecke nutzt. Dazu wiegen wir unter anderem das Material, das von den Minenarbeitern gewonnen wird, und bevor es zu den Sammelstellen kommt, von wo aus es weiter nach Südafrika transportiert wird. Ich habe mit meinem Namen die Einhaltung dieser Vorgaben gegenüber der US-Regierung garantiert. Wir sind also hoch motiviert, die Forderungen unserer Kunden und der US-Regierung zu erfüllen.

Sie haben vor kurzem die Zahlen für ihr drittes Quartal veröffentlicht, sie lagen um rund 18 Millionen Dollar unter dem Vorjahr. Erwarten Sie eine Verbesserung der Marktsituation in diesem Jahr?

Unsere Ergebnisse lagen im Rahmen unserer Erwartungen. Mit Hilfe verschiedener Maßnahmen ist es uns in den letzten Monaten gelungen, den Verlust gegenüber dem Vorjahr zu reduzieren. Wir haben aber auch unsere Bruttomarge gegenüber dem September-Quartal auf 18 Prozent gesteigert. Ich bin optimistisch, dass wir den Tiefpunkt des aktuellen Bauelemente-Zyklus inzwischen hinter uns haben. Unser Ziel ist es aber, unsere Profitabilität, unabhängig von einer Verbesserung der konjunkturellen Rahmenbedingungen, weiter zu verbessern.