IoT-Herausforderungen für die Embedded-Branche »Wir brauchen Standards für größeren Mehrwert«

Jens Wiegand, Kontron: »Wir brauchen die Standards von internationalen Gremien, um Kunden am Ende die Mehrwerte bieten zu können, die wir uns von IoT-Applikationen versprechen.«
Jens Wiegand, Kontron: »Wir brauchen die Standards von internationalen Gremien, um Kunden am Ende die Mehrwerte bieten zu können, die wir uns von IoT-Applikationen versprechen.«

Auf die Embedded-Computing-Branche kommt mit dem Internet der Dinge (IoT) als nächste Welle der Computertechnik eine besondere Verantwortung zu. »Embedded Systeme spielen bereits jetzt eine kritische Rolle in der Entwicklung des IoT – sie stellen die 'Dinge' dar«, betont Christian Légaré, CTO von Micrium.

Für ihn und viele in der Embedded-Computing-Branche umfasst ein IoT-Anwendungssystem vier Hauptkomponenten: das Gerät, das lokale Netzwerk, das Internet und Back-End-Dienste. Die Embedded-Systeme sind dabei oftmals schon »IoT ready«, sie müssen »nur« noch mit den drei anderen Hauptkomponenten verbunden werden. Und hier beginnen die Probleme, denn die zahllosen unterschiedlichen Anwendungen verlangen nach sehr unterschiedlicher Hardware und damit unterschiedlichen Netzwerkschnittstellen und Übertragungsprotokollen.

»Es gibt Standards für alle Anforderungen im Zusammenhang mit Konnektivität, Stabilität, Stromverbrauch und Sicherheit«, erklärt Légaré. »Derzeit gibt es aber mehrere Standards für jede Anforderung, wodurch der Entwicklungsprozess sehr kompliziert wird.« Hinzu komme die Gefahr einer Marktsegmentierung, bei der dann kein Akteur die Economy-of-Scale richtig nutzen könne.

So sieht Légaré die Entwicklung im Bereich der Consumer-Elektronik kritisch, wo Apple, Google, Intel und AllSeen mit ihren Konzepten um die Gunst der Käufer buhlen. »Man vergesse nicht, dass der Konsumgütermarkt etwa ein Fünftel des Internet der Dinge ausmacht. Die gleiche Segmentierung findet bei Industrieanwendungen statt, wo die Auswirkungen noch signifikanter sind und der Ruf nach Standardisierung noch lauter sein sollte«, mahnt Légaré.

Dieser Ruf ist für einige Anwendungsfelder schon gehört worden. »VDMA und Bitkom leisten im Umfeld von Industrie 4.0 wichtige Beiträge zum Thema Daten-Interoperabilität und Konvergenz. Weiterhin sind die IEEE-Bemühungen um das Thema WiFi-Roaming und Realtime Ethernet wichtig. Auch das Industrielle Internet Konsortium (IIC) arbeitet an wichtigen Grundlagen zur Spezifizierung von Use Cases, Frameworks und Vokabularien. Und wir brauchen die Standards solcher Gremien, um Kunden am Ende die Mehrwerte bieten zu können, die wir uns von IoT-Applikationen versprechen«, erklärt Jens Wiegand, CTO von Kontron. »Wie immer wird die Standardisierung in solchen Gremien durch die jeweiligen Player im Markt dominiert, und manche Vorschläge sind dabei möglicherweise in einem ersten Schritt für den breiten Markt zu komplex. Ist ein gemeinsamer Nenner jedoch erst mal gefunden, ermöglichen es die Economies of Scale dann letztlich doch, dass diese Standards auch im breiteren Feld zur Anwendung kommen.«

Als ein wichtiger Bestand des IoT gilt das Cloud-Computing, das die Daten der unzähligen Devices verarbeiten soll. Die vielen Datensicherheitsaffären der letzten Monate, ausgelöst durch den Whistleblower Edward Snowden, haben jedoch viele zum Nachdenken über die Sicherheit ihrer Daten gebracht – besonders in der Industrie. »Die Industrie war schon immer vorsichtig. Insofern wurde diese Haltung eigentlich nur bestätigt – das allerdings mittlerweile mit Nachdruck«, berichtet Wiegand. »Die Sicherheitsanforderungen an Cloud-Applikationen werden jedoch vielfach unstrukturiert, emotional und nicht lösungsorientiert diskutiert. Ganz allgemein geht es um das Thema Trust.« Hierfür müsse man nicht nur einen, sondern mehrere Punkte prüfen: Kann man dem Gerät und dessen Daten vertrauen? Kann man der Netzwerktechnik und dem Service Provider vertrauen? Kann man Manipulationen ausschließen?

»Wenn ich Antworten zu all diesen Fragen finde, kann ich eine industrielle Cloud aufsetzen«, ist sich Wiegand sicher. »In geschlossenen Telecom-Infrastrukturen zum Streaming von Content, wie beispielsweise Videos, ist das Thema deutlich unkomplizierter.«
Dass die Embedded-Computing-Branche das Thema Vertrauen sehr ernst nimmt, ist mit ihrer eigenen Historie zu erklären: Als Outsourcing-Partner mussten sie erst bei den Kunden das Vertrauen gewinnen, um langfristig Projekte zu begleiten und über die Jahre immer mehr Entwicklungsverantwortung übertragen zu bekommen. Diese hart erarbeitete Vertrauensbasis will die Branche nicht verspielen, gleichzeitig sollen den Kunden auch die neuen technischen Möglichkeiten erschlossen werden. Konnte die Branche in den letzten Jahren den zeitlichen Abstand zwischen der Veröffentlichung von Consumer-/Business-IT-Produkten und ihren eigenen Systemen kontinuierlich verkleinern – bei einigen Prozessoren sogar auf Null reduzieren –, stehen jetzt große Herausforderung an: die richtigen Technologien zeitnah und vertrauenswürdig zu liefern - dazu muss die Embedded-Computing-Branche auch ihre bisherige Rolle als Technologiefolger überdenken.