Kommentar Tablet-PC: Hoffnungsträger für Hoffnungsträger

Manne Kreuzer, Leitender Redakteur Markt&Technik

Für viele ist der Tablet-PC ein Hoff­nungsträger: Die Konsumenten hoffen auf ein leicht zu bedienendes Gerät mit Sexappeal, die Komponentenlieferan­ten auf zusätzliches Geschäft, die Netzbetreiber auf extra Daten-Traffic. Auch so mancher Inhaltsanbieter von papierbasierten Informationen ersehnt sich den Tablet-PC als neue Stütze für das Verlagswesen.

Zwar haben diverse lokale Tablet-PC-Anbieter Erfolge zu vermelden, sich als Global-Player zu etablieren und die entsprechenden Stückzahlen zu fahren, hat aber bislang nur Apple mit seinem iPad verstanden. Die gro­ßen internationalen Konkurrenten ver­schieben derweil ihre Produktveröf­fentlichungen immer wieder. Schuld ist mal nicht die Bauteile-Allokation, sondern das Betriebssystem.

Die ersten iPad-Konkurrenten wur­den bereits Anfang des Jahres mit Windows 7 präsentiert. Zwar hat Win­dows 7 in der klassischen IT-Welt gro­ßen Anklang gefunden, bei der Bedie­nung treten diese Wurzeln aber ent­sprechend zutage: Was mit der Maus am großen Monitor funktioniert und gut aussieht, wird mit schwindenden Display-Diagonalen und wachsenden Fingergrößen zunehmend zur Qual. Aus den jahrelangen Anlaufschwierig­keiten der Smartphone-Anbieter ha­ben jedoch die Tablet-PC-Hersteller gelernt: Lieber später liefern, als mit unausgereiften Konzepten auf Halde zu produzieren und sich den Ruf zu ruinieren.

Mit Android hat die Branche mitt­lerweile eine kostengünstige Alternative zu Windows 7 gefunden und gleich auch ein paar neue Fallstricke kennen gelernt: So ist Android 2.x noch zu stark für Smartphones konzipiert – aber Google arbeitet ja an Android 3.0, das Tablet-PC-zentriert werden soll.

Allerdings hat Oracle letzte Woche Google in einen Rechtsstreit verwi­ckelt: über den Gebrauch von Java, einem zentralen Bestandteil und Argu­ment von Android. Ob die juristischen Mühlen bis zum geplanten Android-3.0-Start im vierten Quartal dieses Jahres schon gemahlen haben, ist überaus fraglich. Selbst ohne Rechts­streit kommt Android 3.0 zu spät für das Weihnachtsgeschäft. Die Suche nach weiteren Alternativen hat des­halb schon begonnen.

Eins ist aber klar: Wenn ein Tablet-PC-Hersteller den Vorsprung des iPad aufholen will, muss sein Produkt eine große Anzahl von Applets bieten, Java und Flash beherrschen, einen wech­selbaren Akku haben und mit dicken Fingern elegant umgehen können. Den Wettbewerb um diese neue Gerä­teklasse gewinnt man nicht mit besse­ren Details, sondern mit dem runderen Gesamtpaket – ein Trend, der nicht nur in der Consumer-Elektronik-Welt um sich greift.