Interview Adlink Technology Perspektivenreicher Umbruch durch neue Trendsetter und Geschäftsmodelle

Dirk Finstel, Adlink Technology: »Ich sehe IoT nicht als Buzzword, sondern als technologischen Trend.«
Dirk Finstel, Adlink Technology: »Ich sehe IoT nicht als Buzzword, sondern als technologischen Trend.«

Die Embedded-Computing-Branche muss sich verstärkt den Trends aus der Consumer-Welt und dem Internet-der-Dinge (IoT) stellen. Dirk Finstel, CEO EMEA von Adlink Technology, erklärt die Hintergründe und Chancen.

Markt&Technik: Wie macht sich der Einfluss der Consumer-Elektronik auf die Embedded-Branche bemerkbar?

Dirk Finstel: Was man definitiv merkt, ist, dass der Adaptionszeitraum für Consumer-Elektronik-Technologien deutlich kürzer ist als in der Vergangenheit. Hinzu kommt, dass in der Vergangenheit viele Consumer-Trends gar nicht abgebildet wurden. Jetzt merkt man schon ganz klar, wann sich eine neue Technologie durchgesetzt hat und massenmarkttauglich ist; denn dann denken viele Kunden - egal aus welchen vertikalen Märkten - wirklich darüber nach, diese Technologie schnell zu adaptieren. Das treibt die Embedded-Branche in neue Applikationen, neue Geräte und neue Märkte.

Bedeutet das nicht auch einen erhöhten Aufwand für Anbieter von Embedded-Computing-Produkten?

Unsere Anstrengungen in Forschung und Entwicklung steigen und auch das Risiko, dass man eine Consumer-Technologie nicht Embedded-tauglich bekommt. Das ist vom Risikomanagement her eine ganz neue Kategorie. Wenn man sich ansieht, was disruptive Technologien im ITK-Bereich in den letzten fünf Jahren mit Marktgrößen angerichtet haben, müssen wir und unsere Kunden irre aufpassen, diese Trends nicht zu verschlafen. Selbst wenn wir lange Lebenszyklen haben, merken wir, dass bei unseren Kunden die Erneuerung ihrer Plattformen deutlich schneller stattfindet – eben durch den Markt getrieben. Wenn man dann als Embedded-Lieferant nicht die richtigen Technologien auf Lager hat, ist man sehr schnell aus dem Spiel. Deshalb gibt es einen großen Druck, neue Technologien zu adaptieren, selbst wenn man jetzt noch keinen Markt sieht.

Können Sie ein Beispiel für eine disruptive Technologie nennen?

Vor fünf Jahren hat die Kategorie des Tablet-PC nicht existiert. Jedes Marktforschungsinstitut hat gesagt, dass es keinen Markt gibt - heute reden wir von 300 Mio. Stück pro Jahr. Neue Technologien können ganze Wirtschaftszweige umkrempeln. Das wird auch den Embedded-Markt treffen. Darauf muss man sich als Lieferant einstellen, denn unsere Kunden stellen deutlich schneller um, als wir das oftmals denken.

Wie bewerten Sie das Thema IoT?

Die Datenverarbeitung ist heute dezentral, die Daten werden im Smartphone oder Tablet generiert und dann in die Cloud oder zum Server geschickt – und das ist genau das, was irgendwann auch jedes Embedded-Device machen muss. Ich sehe IoT deshalb nicht als Buzzword, sondern als technologischen Trend. Generell ist aber das Problem, dass es keine einheitlichen Standards gibt und damit eine sehr große Fragmentierung stattfindet, die momentan noch geduldet wird. Die Harmonisierung wird sehr lange dauern – wenn ich da nur an den Smart-Meter-Bereich denke, da gibt es 200 verschiedene Protokolle. Unsere Kunden wollen aber nicht warten, bis es weltweit einheitliche Standards gibt, um diese Potenziale heben zu können. Wir bieten deshalb eine Device-to-Cloud-Strategie aus einer Hand an.

Nicht jeder IoT-Bereich ist für die Embedded-Branche adressierbar. Wo erwarten Sie ein Geschäft?

90 Prozent der Daten, die in die Cloud geschickt werden, sind nutzlos, weil sie nicht vorgefiltert werden. Das wird für uns als Embedded-Hersteller – von der Hardware her – ein sehr guter zukünftiger Markt sein, also die Herstellung und Betrieb von Datenkonzentratoren. Die Gebühren für LTE sind noch viel zu hoch, um ein kommerzielles Geschäftsmodell zu ermöglichen. Der günstigste Tarif ist noch 2G. Daher muss man für den kommerziellen Betrieb einer IoT-Plattform die Daten so komprimieren, dass man mit 2G noch zurecht kommt. Zudem ist 2G weltweit verfügbar.

Sie betonten ’von der Hardware her‘.

Ja, denn wenn man IoT macht, wird man automatisch zum Softwarehersteller. Ohne Software bekommt man das Ding nicht zum Laufen. Wir haben zur embedded world unsere erste kommerzielle Plattform SEMA Cloud mit Intel und Gemalto zusammen vorgestellt, und wir haben massiv Geld hinein gesteckt, um die Software selbst zu entwickeln, weil uns sonst die Möglichkeit fehlt, die Kunden im Projekt zu unterstützen. Das kann man nicht outsourcen, und das wollen die Kunden so auch nicht. Um die Möglichkeiten der Hardware zu beweisen, braucht man die beste Software. Und wenn man die nicht im Griff hat, dann kann man auch seine beste Hardware nicht verkaufen. Der Trend in den nächsten drei Jahren wird daher sein, dass man mehr Softwareentwickler einstellen wird.

Verändert sich damit auch das Geschäftsmodell?

Es entsteht mit Recurring Revenue ein neues Umsatzmodell – das ist etwas ganz anderes als das, was wir von der Embedded-Welt gewohnt sind. Das Attraktive daran ist, dass man neue Einnahmequellen bekommt, die deutlich besser handzuhaben und deutlich lukrativer sind, aber ein ganz anderes Anfangsinvestment verlangen. Dieses Geschäftsmodell ist für die Embedded-Branche disruptiv – man muss in ganz anderen Kategorien denken. Bei der Hardware haben es die Handy-Hersteller vorgemacht – die Hardware wird subventioniert, und das Geld kommt über die Nutzungsverträge herein. Es ist für den Hardwarehersteller und den verbundenen IT-und Telekommunikations-Partnern interessant, daran zu partizipieren und zu investieren.

Mit welcher Marktgröße rechnen Sie?

Das ist schwer zu sagen, alleine schon die Stückzahlen gehen immer weiter nach oben. Vor drei Jahren waren es 15 Milliarden Stück, heute geht Intel schon von 200 Milliarden Einheiten aus – und das geht immer weiter. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo in der Mitte, und man muss die vielen Mikrocontroller-basierten Knoten davon abziehen, um zu ermitteln, was für uns als Branche dann an Wertschöpfung übrig bleibt. Selbst wenn man davon nur 0,5 Prozent mitbekommt, hat man einen tollen Umsatz-Booster für seine Firma.