Marktnähe statt Blockadehaltung Neues Gremium für Embedded-Standards gefordert

Hans Mühlbauer, congatec: »Wir reden von einer neuen Plattform für Embedded-Anbieter, die sich schnell auf einen neuen Standard einigen wollen.«
Hans Mühlbauer, congatec: »Wir reden von einer neuen Plattform für Embedded-Anbieter, die sich schnell auf einen neuen Standard einigen wollen.«

Viele deutsche Embedded-Anbieter sind nicht mehr zufrieden mit dem Standardisierungsprozess von Organisationen wie VITA und PICMG: Die mangelnde Flexibilität und das geringe Tempo entsprechen nicht mehr den Marktbedürfnissen.

Als Standardisierungsgremien haben VITA und PICMG die Embedded-Branche mit Standards wie VMEbus, Slot-CPU-Karten (PICMG 1.x) oder CompactPCI mitgeformt. Die rund 27 (VITA) bzw. 17 (PICMG) Jahre ihres Bestehens sind allerdings nicht spurlos an den Organisationen vorbei gegangen. »Sie sind zu Vereinigungen gewachsen, die zwar viele Mitglieder haben, diese sind aber nur selten Board-Hersteller«, erklärt Hans Mühlbauer, Aufsichtsrat von congatec. »Dafür gibt es Steckverbinder- und Halbleiterhersteller, die eine Modul-Spezifikationen in ihrem Sinne beeinflussen, um so den Zugang für ihre Mitbewerber zu unterbinden.«

Dieses Verhalten dünnt nicht nur die Lieferantenkette aus, sondern kostet auch viel Zeit. »Wir als Board-Hersteller werden uns immer recht schnell einig, obwohl wir direkte Wettbewerber sind«, betont Mühlbauer. »Für das junge, dynamische Umfeld, in dem wir aktiv sind, bieten die alten Standardisierungsgremien einfach nicht mehr das, was man braucht, um Standards schnell und fachgerecht in den Markt einzuführen.«

Als eine Reaktion auf die lahm mahlenden Standardisierungsmühlen kann der Computer-on-Modul-Standard »Qseven« gewertet werden. Hier haben sich interessierte Board-Hersteller schnell geeinigt und konnten mittlerweile auch schon eine Anpassung an das sich ändernde Marktumfeld umsetzen und die ARM-Architektur parallel zu x86 etablieren. »Wir entwickeln in Europa führende Technologien und können sie weltweit erfolgreich etablieren. Unsere Kraft für die Zukunft ist nicht auf der Produktionsseite zu finden, sondern im Engineering, in der Innovation neuer Produkte«, betont Wolfgang Eisenbarth, Director of Marketing Embedded Computer Technologie der MSC Vertriebs GmbH. Eine schnelle Reaktion auf die Marktbedürfnisse sei dabei ein sehr entscheidender Schlüsselfaktor. Die Zyklen für neue Standards werden zudem laufend kürzer, da die Märkte mittlerweile sehr dynamisch sind. »Time-to-Market ist das Hauptanliegen, das die Kunden an uns herantragen«, bestätigt Norbert Hauser, Executive Vice President Marketing von Kontron. »Wenn die PICMG bremst, dann hat das für keinen einen Nutzen - weder für den Hersteller noch den Kunden.«

Die Embedded-Board-Hersteller sind nicht nur unzufrieden mit den bestehenden Organisationen, sie zweifeln auch an deren schnellen Reformierbarkeit. Als Konsequenz daraus wird die Forderung nach einem neuen Embedded-Gremium immer lauter. Doch was genau erwarten sich die Board-Anbieter? »Es ist mehr eine Heimat gefragt, in der sich verschiedene Hersteller treffen können und sich auf bestimmte Rahmenbedingungen einigen können - seien es mechanische wie Stecker-Kompatibilitäten, elektrische wie ein Pin-out oder softwaretechnische wie ein API«, formuliert Eisenbarth und trifft im letztgenannten Punkt besonders die Bedürfnisse für Systemintegratoren und Softwareentwickler. »Systemschnittstellen sind entscheidend, das bemerken wir sehr stark im Kundengespräch«, betont Markus Bullinger, Operative Geschäftsleitung Distribution der Fortec Elektronik. »Diskutierten wir vor Jahren noch über die Prozessoren, so ist das heute kein Thema mehr. Heute sagt der Kunde, welche Software laufen soll und welche Leistungsaufnahme das System haben darf - alles andere ist unser Problem. Deshalb ist das Thema Normierung der Software und der System-Interoperabilität eine gute Sache, die vorangetrieben gehört.«

Auch wenn in erster Linie die Board- und Modulhersteller die Standardisierungsarbeit leisten, kommt wichtiger Input von den Distributoren. »Gerade wir in unserer Funktion haben teilweise sogar eine größere Macht, denn wir kennen unsere Kunden und ihre Bedürfnisse«, betont H.-Günther Weisenahl, CEO Industrial Computer Source. Ein neues Embedded-Gremium soll deshalb offen für alle Embedded-Anbieter sein, die ein Interesse am wirtschaftlichen Erfolg eines Standards haben. Erste Sondierungsgespräche sind bereits erfolgt. Dabei zeichnet sich ganz klar ab, dass man aus den Fehlern der Vergangenheit lernen möchte.