Hohe Kundenansprüche Mehr Wertschöpfung für ARM-Baugruppen

Dirk Finstel, Lippert Adlink Technology: »Bei ARM ist das ganze Ökosystem erst am Anfang, und dementsprechend war klar, dass man als Hardwareanbieter sehr viel in die eigene Softwareentwicklung stecken muss, um das Geschäftsmodell betriebswirtschaftlich betreiben zu können.«
Dirk Finstel, Lippert Adlink Technology: »Bei ARM ist das ganze Ökosystem erst am Anfang, und dementsprechend war klar, dass man als Hardwareanbieter sehr viel in die eigene Softwareentwicklung stecken muss, um das Geschäftsmodell betriebswirtschaftlich betreiben zu können.«

ARM-Module sind zurzeit sehr beliebt. Viele Anwender unterschätzen aber den notwendigen Softwareaufwand und nehmen die Embedded-Anbieter in die Pflicht - die Hersteller investieren daher und vergrößern so ihre Wertschöpfung.

»Der Softwareaufwand war vielen Interessenten gar nicht so bewusst. Es geht schon bei ganz banalen Dingen los. So gibt es einen Bootloader und kein BIOS, den man an die Anwendung und den Kunden anpassen muss«, erklärt Christian Eder, Sales&Marketing Manager EMEA von congatec. »Da steckt viel Arbeit drin, was wir vorgefertigt liefern. Das kennen Kunden aus dem x86-Bereich so nicht - für die steht ARM einfach für Strom sparend und billiger, und deshalb wollen sie es haben.« Als Konsequenz müssen die Modul- und Board-Anbieter mehr beraten und so manche Stolpersteine aufzeigen.

So heterogen die Embedded-Anwender sind, so unterschiedlich sind auch ihre Startvoraussetzungen und Anwendungen. Die größten Umstellungen müssen die Kunden aus dem x86-Bereich machen, ist sich Eder sicher: »CD rein, installieren und fertig - so wie früher ist es nicht mehr. Man muss im Detail schon mehr machen. Wir können natürlich dabei helfen, oder der Kunde hat selbst die notwendigen Ressourcen.« Die scheinen bei Embedded-Linux-Anwender häufiger vorhanden zu sein. »Sie sind es gewohnt, sich ihr System selbst zusammenzustellen und sind so besser aufgestellt«, bestätigt Markus Mahl, Head of Produkt Marketing Embedded von Data Modul.

Die wenigsten Probleme scheinen nach Auskunft der Branchen-Experten die langjährigen Anwender der ARM-Technologie zu haben. Aber auch bei diesen Kunden wächst der Aufwand. »Für die 16-Bitter gab es kein Betriebssystem. Bei den 32-Bittern merken wir jetzt die deutlich gestiegenen Forderungen an uns«, berichtet Wolfgang Heinz-Fischer, Leiter Marketing und PR der TQ-Group. »Das Problem bei ARM ist, dass es einen Kern-Bereich gibt, dazu Ethernet, Grafik, USB, und dann hört es schon auf. Mit CAN und erst recht mit Exotenschnittstellen wird der Aufwand erheblich größer.« Dazu zählen unter anderem auch Anpassungen an ein Betriebssystem, das aufgrund der gestiegenen Applikationsanforderungen nun notwendig wird: Kamen viele 16-Bit-Applikationen mit einem einfachen Display aus, sind jetzt hoch auflösende Bildschirme und ein anspruchsvolles Bedienkonzept gefragt - und damit kommen auch weitere Herausforderungen auf die Applikationsentwickler der Kunden zu.

Erfahrene GUI-Entwickler für Android sind aber nach Ansicht von Dirk Finstel, CEO von Lippert Adlink Technology, im Embedded-Bereich noch rar: »Wenn jemand an so einer Lösung interessiert ist, dann müssen wir sie ihm machen, sonst wird nichts aus der Applikation. Und das ist genau der Mehrwert, den man dem Kunden bieten muss, damit das Geschäftsmodell für ARM-Module funktioniert.« Boten früher die Board-Anbieter im x86-Bereich die Hardware und die Treiber für die wichtigsten Betriebssysteme an, so müssen sie heute für ARM deutlich mehr liefern: Hardware, ein angepasstes und bootfähiges Betriebssystem und Support für die Applikationsentwicklung. »Das wird definitiv der dritte Baustein werden«, betont Finstel. »Viele Kunden haben dort ganz große Defizite, um intern das Ökosystem nachzubilden.« Die Hardwareanbieter haben nach seiner Meinung den Softwareaufwand nicht unterschätzt, sondern sind explizit diesen Weg gegangen. »Bei ARM ist das ganze Ökosystem erst am Anfang, und dementsprechend war klar, dass man sehr viel in die eigene Softwareentwicklung stecken muss, um das Geschäftsmodell betriebswirtschaftlich betreiben zu können«, erklärt Finstel. »Wenn man versucht, ein ARM-Modul wie ein x86-Modul zu verkaufen, das heißt mit viel Design-in-Support, und die Software nebenbei auch noch machen muss, dann rechnet sich das nicht. Als Anbieter muss man die Wertschöpfungskette nach oben verlängern.« Das bestätigt auch Josef Behammer, Vice President Product Management EMEA von Kontron: »Die Herausforderung aller heutigen Hardwareanbieter ist es, den Schritt Richtung Softwarelösung zu gehen. Wer am schnellsten umstellt, wird auch am meisten davon partizipieren.« Das wirke sich auf die Preisstruktur der Baugruppen aus, was allerdings nicht allen Interessenten bewusst ist. »Der Kunde ist völlig überrascht, dass wir keine ARM-Lösung für unter 50 Euro anbieten. Das geht nicht, und das ist auch nicht das Segment, das wir adressieren wollen«, erklärt Behammer. »Für höhere Leistungsklassen muss der Kunde bereit sein, mehr zu zahlen. Das ist ein Paradigmenwechsel, der noch stattfinden muss.«