Unternehmensstrategie Lokale Talente gewinnen

Jim Liu, Adlink Technology

»Ich sehe eine Riesenchance im gesamten deutschsprachigen Raum für die nächsten zehn Jahre. Wenn man das Spiel gewinnen will, muss man in die Ressourcen 
vor Ort investieren, und wir werden weiter investieren.«
Jim Liu, Adlink Technology »Ich sehe eine Riesenchance im gesamten deutschsprachigen Raum für die nächsten zehn Jahre. Wenn man das Spiel gewinnen will, muss man in die Ressourcen vor Ort investieren, und wir werden weiter investieren.«

Das Embedded-Computing-Unternehmen Adlink Technology feiert sein 20-jähriges Bestehen. Neben einem Blick zurück erklärt Jim Liu, CEO und Chairman von Adlink Technology, die Unternehmensstrategie und die besondere Bedeutung für Deutschland.

Markt&Technik: Was hat sich in den letzten 20 Jahren in der Branche geändert?
Jim Liu: 1995 war die Intel-Architektur immer noch der Consumer- und Commercial-Welt vorbehalten. Die meisten Industrieunternehmen und -plattformen haben der PC-Architektur nicht getraut – weder der Hard- noch der Software. Die Industrie setzte auf Motorolas 68K-Serie und andere, spezielle CPU-Architekturen. In den letzten 20 Jahren ist es der IA-Architektur aber gelungen, ihre Dominanz auch auf die Industrie-Welt zu übertragen. Den zweiten großen Umbruch bringt die Halbleitertechnik. Früher gab es eigene Halbleiter für Consumer, Industrie und Militär. Mittlerweile funktionieren alle CPU-Architekturen auch in den harschesten Umgebungen – das ist ein epischer Wandel. Der drittel Wandel betrifft die Kundenseite. Fast alles war proprietär, und die Kunden machten fast alles selber. Heute wollen die Kunden offene Standards und fokussieren sich auf ihre Kernkompetenz im System-Level-Bereich. Deshalb suchen sie 3rd-Party-Anbieter, die nicht im Wettbewerb mit ihnen selber stehen. Der letzte Trend ist Marketing-getrieben – genügte bislang eine Stand-alone-Maschine, muss sie jetzt vernetzt und intelligent sein oder man ist aus dem Geschäft. 

Was hat sich bei Adlink in dieser Zeit verändert?
Wir haben mit modularer Industrial-I/O-Technik angefangen und uns zu Plattform- und Systemanbietern entwickelt. Dabei folgten dabei immer den Anforderungen unserer Kunden. Waren sie am Anfang mit den Modulen zufrieden, kamen immer mehr Forderungen nach höherer Integration und schließlich nach der kompletten Box. Die machten sie bislang selber, aber diese Mühen wollten sie reduzieren. Diese Infrastruktur bieten wir jetzt. Betrachtet man das gesamte Ökosystem für den Bau eines Systems, braucht man nicht nur das CPU-Modul, sondern auch die Stromversorgung, das Display und so weiter. Die dafür benötigte Infrastruktur ist unserer Infrastruktur sehr nahe und macht die Zusammenarbeit deutlich einfacher. Die andere Veränderung ist, dass man nicht nur die Box liefern soll, sondern auch die passende Software. Je vollständiger die Software ist – und zunehmend auch die Middleware –, umso einfacher kann der Kunde seine Applikation auf die Plattform setzten. Eine weitere Veränderung ist, dass man jetzt für verschiedene vertikale Märkte verschiedene Zertifizierungen braucht. Davon ist nicht nur die Fabrik betroffen, das ist ein Wandel in der gesamten Industrie. 

Ist das Engagement im Soft- und Middleware-Bereich ebenfalls von den Kunden getrieben?
Das ist zweigeteilt. Auf der einen Seite ist es kundengetrieben, weil die Kunden danach fragen. Auf der anderen Seite müssen wir den kommenden Anforderungen, die sich unsere Kunden stellen müssen, einen Schritt voraus sein. Ehrlich, wir haben von den Tier-1-Kunden viel gelernt, wie man eine Standardplattform entwickelt, die den Tier-2- und Tier-3-Kunden hilft. 

Wie definieren Sie das Internet der Dinge?
Bei IoT ist alles miteinander verbunden. Unsere Definition ist, dass die Verbindungen untereinander nur die Grundlage sind. Die eigentliche Frage ist, welche Intelligenz man in die Dinge einbauen möchte. Das „I“ in IoT steht bei uns auch für „Intelligenz“. Es ist also entscheidend, die Maschine smart genug zu machen – dafür braucht man viel Software. Für die Software braucht man entweder High-Performance oder eine smarte Plattform. Wir bauen nicht das Know-how auf, wir wollen das Gehirn für diese Software liefern. So interpretieren wir IoT. 

Im Gegensatz zu vielen anderen Embedded-Computing Firmen hat Adlink viel Messtechnik- und Industrial-I/O-Know-how. Hilft das bei IoT?
Die Leute wollen smartere Dinge, die miteinander kommunizieren und arbeiten können. Wir haben die Kapazität, um Industrial-I/O und CPU-Boards zu entwickeln. Wir können damit die I/O und den Computer besser integrieren. Ich möchte aber betonen, dass es Adlinks Ziel ist, einer der führenden Intel-IoT-Alliance-Partner zu sein. Wir nutzen die IA-Prozessoren schon lange und wissen, wie man sie einsetzt, um die unterschiedlichen Anforderungen von anspruchsvollen Umgebungen und vertikalen Märkten zu erfüllen. Wir zielen auf die höchsten High-End-Applikationen ab und die extremsten Umweltbedingungen für Mission-Critical-Applikationen. Das ist unser Ziel Nummer 1. Wir wollen die besten Plattformen entwickeln, um die Dinge intelligenter zu machen. Und das ist eines der Unterscheidungsmerkmale gegenüber anderen Embedded-Computing-Anbietern. Außerdem wollen wir Service und Infrastruktur bieten, und das nicht nur in Asien, sondern weltweit. Wir haben lokale Entwicklungs- und Service-Teams – deshalb haben wir auch in den letzten zwei Jahren unsere Infrastruktur in Deutschland erweitert.

Was werden die nächsten Schritte in Deutschland sein?
Ich sehe eine Riesenchance im gesamten deutsch-prachigen Raum für die nächsten zehn Jahre. Wenn man das Spiel gewinnen will, muss man in die Ressourcen vor Ort investieren, und wir werden weiter investieren. 

Hört sich an, als ob Sie eine weitere Firma in Deutschland kaufen wollen.
Aufkauf, Kooperationen oder Allianzen sind Teile unserer Strategie und stellen immer eine Option dar. Wir schauen uns nach guten Leuten um. Es geht dabei nicht nur um einen Aufkauf, es geht darum, Talente zu finden und mit ihnen zusammenzuarbeiten. Wir bieten eine sehr intelligente Plattform mit ARIP (Application Ready Intelligent Platform). Das ist aber nicht nur eine Plattform. 80 Prozent sind Hardware, und das kann in Asien entwickelt und gefertigt werden. Das Wichtigste ist aber, wenn man etwas intelligenter machen will, den vertikalen Fokus zu verstehen. Dafür braucht man intelligente Menschen vor Ort, die die Industrie, den Kunden und seine Applikation verstehen. Diese Leute zusammenzubringen und mit ihnen zu arbeiten, ist einer DER Faktoren, um das Spiel zu gewinnen. Daher suchen wir nach Firmen, die zu unseren künftigen Geschäften passen. Wir sind nicht so sehr interessiert weitere Hardware-Firmen zu kaufen, sondern den vertikalen Fokus zu stärken. Die Zusammenarbeit mit einer vertikal orientierten Firma, die über eine große Support-Infrastruktur verfügt, auch für Hardware, ist interessant – eine Win-Win-Situation. Bei manchen Übernahmen verbiegt der Große den Kleinen – das ist nicht unsere Strategie. Wir wollen Talente finden, mit denen wir auf die Reise gehen, und nicht ihr Geschäft übernehmen. 

Ist das auch die Strategie für die nächsten 20 Jahre?
Für 20 Jahre ist das schwer zu sagen, aber für die nächsten 5 bis 10 Jahre ist das unsere Strategie. Wir schauen jetzt verstärkt auf neue Ziele, speziell in Deutschland. Ich möchte da nur ein Schlagwort nennen: Industrie 4.0. Das ist eine großartige Chance, die Industrie mit IoT und Big Data verbindet, Sensoren mit Computing Power – alles muss integriert werden, und es braucht eine Menge Software, viel Intelligenz in der Maschine und der Fabrik. Das ist eine starke Vision mit viel Potenzial. Die deutsche Regierung hat damit ein sehr visionäres Ziel für das Land gesetzt.

Wie kann man das umsetzen?
Ich glaube, wir können viel dazu beitragen. Es gibt viele deutsche Firmen, die smarte Dinge entwickeln können, und denen können wir smarte Embedded-Computer liefern – ich sehe sogar die Chance, einer der Hauptlieferanten zu werden. Dafür brauchen wir aber eine sehr starke lokale Infrastruktur, um die Kunden zu unterstützen. 

Das Interview führte Manne Kreuzer