Forum Teil 3 - Bedienung gewinnt an Bedeutung High-touch für High-tech

Benutzeroberflächen und -führung gewinnen auch im Embedded-Bereich immer mehr an Bedeutung. Damit sind sie auch stärker den Einflüssen aus der Consumer-Welt ausgesetzt - die Forumsrunde diskutiert den Trend.

Es war bereits schon auf der embedded world im Frühjahr zu beobachten und es wird auch wieder zu den Herbstmessen zu sehen sein: Messebesucher stehen vor den ausgestellten Panel-PCs und versuchen die Geräte mit den Fingergesten von iPhone und Co. zu bedienen. »Technologietrends pflanzen sich fort und sie beginnen in der Consumerwelt«, ist sich Klaus Rottmayr, General Manager der ICP Deutschland sicher. »Die Technologiesprünge sind da, auch wenn man anfänglich nach dem praktischen Nutzen fragt. Manche Dinge finden erst später ihre Anwendung und werden dann zum Standard.«

Als Beispiel führt er die Entwicklung der Panel-PC an: Ursprünglich wurde ein Industrierechner nur über die Tastatur bedient, dann kam die Maus hinzu. Anschließend wurde der Bildschirm in das Gerät integriert und mit Touchscreen versehen. »Anfänglich gab es Zweifel, ob ein Touchscreen mit dem Schmutz in der Industrie zurecht kommt«, erinnert sich Rottmayr. »Heute fragt keiner mehr den Kunden, ob er seinen Panel-PC mit oder ohne Touchscreen will - Panel-PC heißt Touchscreen. Die Zweihand-Bedienung hatte man schon immer in der Automatisierung gehabt - ob das über Multitouch realisiert wird, muss sich noch zeigen.«

»Maschinensteuerungen verlangen aus Sicherheitsgründe eine spezielle Bedienung, da darf es kein einfaches drüber streichen geben«, gibt H.-Günther Weisenahl, CEO von Industrial Computer Source (Deutschland) zu bedenken. »Multitouch im industriellen Bereich wird kommen, ist aber für den Commercial-Bereich prädestiniert.«

Auch wenn die Zwei-Fingerbedienung der Multitouch-Technologie die offensichtlichste Neuerung ist, steckt doch einiges mehr dahinter, wie Konstantin Kerscher, Sales Director von EMTrust zu berichten weiß: »Mit den Apps hat der Anwender genau das, was er in der Sekunde braucht. Unter Windows müsste er sich durch Menüs durcharbeiten - das ist nicht mehr zeitgemäß. Das ist auch wichtig für die Automatisierung, denn dort gibt es nicht nur Fachpersonal. Wenn man dort mit Multitouch und Apps arbeiten kann, dann ist das ein Riesenvorteil.«

Damit führt diese Neuerung zu einem Paradigmenwechsel für die Embedded-Welt: War früher die Software System entscheidend und diktierte die Hardware, bestimmt nun die Bedienbarkeit die darunter liegenden Soft- und Hardwarekomponenten. »Der Fokus liegt auf Useability«, bestätigt Christian Eder, Sales & Marketing Manager EMEA von congatec. »Nicht die Funktion sondern der Anwender ist vorrangig - das ist der Kundenfokus. Das wird uns vorgelebt und daran müssen wir uns orientieren.«

Dieser Meinung ist auch Markus Bullinger, Operative Geschäftsleitung Distribution der Fortec Elektronik: »Es ist nicht die Frage des Marketing-Hype, sondern der Useability. Die Entwickler überlegen sich zuerst, was der User machen will. Dann überlegen sie sich, wie er es am einfachsten macht und sorgen anschließend dafür, dass der User 95 Prozent vom dem machen kann, was er will.« Im Falle der Apple-Entwickler setze diese Entwicklungsmethode auch gleich Standards. »Je intuitiver ein Feature ist, umso schneller wird es vom Begeisterungs- zum Basisfaktor«, bestätigt Albin Markwardt, Geschäftsführer von Comp-Mall. »Keiner will sich verbiegen und ein Studium machen, um etwas zu bedienen. Das hat auch einen wirtschaftlichen, produktiven Ansatz - Useability ist ein Treiber ohne Ende.«

Ein Beispiel dafür, dass die Benutzerfreundlichkeit eine Gerätegeneration nach der anderen massiv verändert, sieht die Diskussionsrunde in Kfz-Navigationssystemen. So standen die Geräte mit einem speziellen Drehregler in der Mittelkonsole als Mensch-Maschine-Schnittstelle häufig unter Kritik und galten als kompliziert zu bedienen. Dies lag allerdings zum Teil auch daran, dass viele Fahrzeugparameter über das Bedienelement einstellbar waren, die Kunden sich jedoch nur für den Navigationsteil interessierten. Die nächste Gerätegeneration setzte dann schon auf Touchscreens für die Bedienung - allerdings wird immer noch dem Komfort der aktuellen Smartphones hinterher gehinkt. »Wer ein iPhone benutzt, wundert sich nur noch über die Bedienung seines Navis - statt das Bild aufzuziehen, muss man mit Plus- und Minus-Tasten bzw. -Feldern arbeiten«, verdeutlicht Kerscher. Doch auch hier muss und wird der Wandel noch kommen, ist der abschließende Tenor der Runde.

 

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