Kommentar Embedded-Gegenkultur

Manne Kreuzer, Ltd. Redakteur, MKreuzer@markt-technik.de

Intensiv, informativ, befreiend – zwei der drei Begriffe treffen auf viele Messen zu, die embedded world hat aber dieses Jahr eine zusätzliche Qualität entwickelt, da der Mensch im Mittelpunkt stand.

Die meisten gezeigten technischen Neuerungen sind wohldurchdacht, aber auch schon durch langfristige Roadmaps vorab bekannt. Dennoch sind sie als Grundlage für die Messe unverzichtbar und ein wertvoller Ausgangspunkt, um die Diskussion auf das entscheidende Thema zu bringen: die Zusammenarbeit. Damit ist weniger die kollaborative Robotik (oder ihre Sonderform der autonomen Fahrzeuge) gemeint, sondern wie ein Mensch mit dem anderen gemeinsam schafft – sei es als Entwickler, Zulieferer, Kunde oder Partner. Denn es gibt viel zu tun, da die Schlagwörter der letzten Jahre, wie IoT oder Industrie 4.0, sich nun endlich konkretisieren und damit auch belegen, dass man alleine das Thema nicht stemmen kann.

Verlässt man sich auf Partner, muss man erst das Vertrauen aufbauen, ob das gesuchte Know-how vorhanden ist, die eigene Problematik verstanden wird und man auch menschlich miteinander kann. Damit ist die embedded world der perfekte Rahmen, um diese Fragen zu klären. Naturgemäß ist die Embedded-Branche sehr kooperationswillig, da ihre Produkte ja eingebettet in anderen sind und somit Teil einer möglicherweise sehr langen Kette. Zudem sind die Beteiligten Problemlöser und zu helfen ist für sie nicht nur eine technische Aufgabe, sondern auch ein grundlegende Charaktereigenschaft, der man gerne entsprechen will.

Damit hat sich eine recht homogene Personengruppe aus aller Welt auf dem Messegelände eingefunden und die Gegenwart der Gleichgesinnten drei Tage lang genossen – denn außerhalb dieser „Insel der Glückseligen“ tobt ein für sie häufig unverständlicher politischer Sturm: Trennen statt verbinden, Probleme machen statt sie zu lösen und Misstrauen sähen statt zusammen zu arbeiten. Ist die Embedded-Community eine Gegenkultur zur weltweit zunehmenden politischen Verrohung?

Die allgemeine Definition sieht eine Gegenkultur als eine gesellschaftlich wirksame Untergruppe einer gegebenen Kultur, die im Gegensatz zur Subkultur das Infrage stellen von Werten und Normen der Mehrheitskultur beinhaltet. Hierzulande scheint die Embedded-Community also eher eine Subkultur zu sein, aber außerhalb sollte man sich schon Gedanken machen. So schmeckt beispielweise der Brexit den britischen Embedded-Spezialisten nicht sonderlich und es wird – zumindest auf der Messe – offen nach Notfallstrategien gesucht, um die Zusammenarbeit mit den europäischen Kunden und Partner abzusichern. Bei einer Gegenkultur spielen auch gesellschaftliche Visionen und Utopievorstellungen eine Rolle. So wie von Johann Wolfgang von Goethe 1783 in seinem Gedicht „Das Göttliche“ formuliert: „Der edle Mensch sei hilfreich und gut! Unermüdet schaff er das Nützliche, Rechte, sei uns ein Vorbild jener geahneten Wesen!“ Die Embedded-Community erkennt sich in diesen Zeilen wider, auch und gerade wenn andere hasserfüllt dies als Gutmenschentum verunglimpfen.