Integration von Mentor in Siemens Digitale Zwillinge schaffen

Der fortschreitenden Digitalisierung will Siemens mit Hilfe von Mentor sowohl auf der Daten- als auch der Modellebene begegnen. (Bild: Siemens)

Die Übernahme von Mentor Graphics durch Siemens sorgte für viel Überraschung und noch mehr Interpretationsversuche am Markt. Praktisch geht es um eine bessere Abbildung der Wertschöpfungskette – sowohl aus Daten- als auch der Modellsicht – in Zeiten der Digitalisierung.

Wenn sich eine Branche mit Übernahmen auskennt, dann ist es die EDA-Branche. Die hat über Jahrzehnte hinweg kleinere Technologieschmieden und Start-ups aufgekauft, um so zusätzliches Know-how zu erwerben und das Produktportfolio auszubauen. Auch Mentor war hier keine Ausnahme, aber selber aufgekauft zu werden ist neu. Jetzt ist man offiziell Teil von Siemens PLM Software. Dass man dabei doch mehr ist als nur ein Zukauf, kann Matthias Knoppik, Area Director Central & North Europe von Mentor, berichten: »Die Kollegen von Siemens PLM sprechen immer von einem Merger.«

Um zu verstehen, warum die Kollegen aus dem Bereich Product Lifecycle Management (PLM) die Neuen so schätzen, muss man die Unternehmensstrategie kennen. Denn durch die zunehmende Digitalisierung verändert sich nicht nur die Produktion, sondern auch die Gesamtsicht auf ein Produkt. »Die Neueinsteiger im Bereich der e-Mobility denken nicht mehr darüber nach, wie man ein Blech am besten biegt, sondern wie man mehr künstliche Intelligenz (KI) integrieren kann«, bringt es Chuck Grindstaff, Executive Chairman von Siemens PLM Software, mit dem Beispiel auf den Punkt. Damit verändere sich auch die Sicht auf die Tools und ein holistischer Ansatz wird immer notwendiger, um den Kunden schon in sehr frühen Phasen des Designs zu unterstützen. Hier haben die System-Tools (PCB, Thermal und Automotive) von Mentor und Siemens PLM die größten Berührungspunkte und deren Integration wird entsprechend vorangetrieben. Siemens will hier den „digitalen Zwilling“, um die gesamte Wertschöpfungskette (Design, Fertigung, Service) abzubilden sowie Zulieferer und Logistik entsprechend einzubinden.

Ähnliche Bestrebungen haben auch andere Anbieter aus dem PLM-Umfeld wie Dassault, IBM oder SAP. Wie passen jedoch die IC-Tools von Mentor in das Bild? »ICs sind das Herz der Innovation«, betont Grindstaff, »und mit Mentor sind wir somit von Anfang an mit dabei.« Und diese Bausteine sind nicht isoliert, sondern meist schon eingebunden auf Systemebene, wie es die Verkaufszahlen von Mentor seit Jahren bestätigen: Sehr viele Systemkunden bestellen auch IC-Tools. So entfällt mehr als ein Drittel des Geschäfts mit den Top-50-Systemkunden von Mentor auf IC-Tools. Diese zunehmende Verzahnung lässt sich auch aus der anderen Richtung belegen, denn bei den Top-50-IC-Kunden haben die System-Tools einen Anteil von 20 Prozent.

Ist also mit weiteren Fusionen von EDA- und PLM-Anbietern zu rechnen? »Ich weiß nicht, wie man das vermeiden kann, um ehrlich zu sein«, räumt Grindstaff ein. »Mit Partnerschaften hat man nicht die Offenheit, um die Entwicklung wie gewollt vorantreiben zu können – daher ist die Fusion der beste Weg.«

Eine durchgängige Tool-Kette zu schaffen, bis hinein in den Halbleiter, erscheint sowohl aus Entwicklungs- als auch Managementsicht sehr reiz- und sinnvoll. Praktisch gesehen kann aber niemand die gesamte Tool-Kette nutzen: die Meisten spezialisieren sich auf ein paar Glieder – und freuen sich über deren bessere Verkettung – und nur wenige Top-Designer/-Entwickler können noch ein paar Glieder mehr beherrschen und nutzen. Die Produktdaten sind wohl das Einzige, was vollständig mit allen Gliedern der Tool-Kette in Kontakt kommt. Dies ist ganz im Sinne des Zeitgeists der Big-Data-Anhänger, die mit Statistik, Korrelation und Mustererkennung die Effizienz steigern wollen. Chuck Grindstaff dämpft aber diese Euphorie: »Man kann die Daten nicht alleine für sich sprechen lassen, es ist auch Modell-Intelligenz notwendig. Wer beides haben will, muss zu uns kommen.«

Diese angestrebte Dualität von Modell und Daten – auch eine Art digitaler Zwilling – ist im Prinzip der klassische Soll-Ist-Vergleich, also das kleine Einmaleins der Automatisierungs- und Steuerungstechnik. Damit verwundert es nicht, dass Siemens PLM eine Unterabteilung von Siemens‘ Digital-Factory-Division – der Automatisierungssparte – ist. Die Übernahme von Mentor durch Siemens ist somit keine überraschende Erweiterung des Angebotsportfolios um „exotische“ Produkte, sondern eigentlich ein konsequenter Ausbau des Stammgeschäfts.