Altium Auf Wachstum getrimmt

Rainer Asfalg, Altium: »Das Transaktionsgeschäft unterscheidet sich gravierend vom traditionellen Geschäft unserer Konkurrenten, die über mehrere Jahre mit großen Kunden zusammenarbeiten: Bei uns ist es so, dass die Kunden sich im Web den kompletten Funktionsumfang ansehen, und wenn der passt, dann wird gekauft.«

Altium will bis 2020 seinen Umsatz von derzeit 100 Mio. Dollar auf 200 Mio. Dollar verdoppeln. Markt&Technik fragte Rainer Asfalg, Altiums Vice President Sales EMEA, wie dieses Wachstumsziel erreicht werden kann.

Markt&Technik: Siemens hat Mentor für 4,5 Mrd. Dollar übernommen. Kam diese Übernahme überraschend?

Rainer Asfalg: Es ist ein Trend zu sehen, dass PLM-Firmen wie Siemens, aber auch andere, versuchen, ihren Kunden alles aus einer Hand anzubieten, also nicht nur die PLM-Software, sondern auch MCAD-Software und jetzt eben auch EDA-Tools. Die PLM-Anbieter tun sich schwer, solche Software selbst zu entwickeln. Will ein Unternehmen also EDA-Tools mit anbieten, muss es sie zukaufen, so wie es Siemens jetzt mit Mentor macht.

Halten Sie ähnliche Übernahmen für wahrscheinlich?

Das hängt von den Strategien der Unternehmens ab: Wohin bewegt sich ein PLM-Unternehmen und was sind die für ihn wichtigen Segmente? Es ist ja kein neuer Trend, dass es solche Bestrebungen in der PLM-Industrie gibt. Die Frage ist aber eben, wie man diese Tools mit anbieten kann. Die eine Möglichkeit ist die, die Siemens mit der Übernahme von Mentor gewählt hat, eine andere Möglichkeit stellen Kooperationen dar. Ein Beispiel dafür ist die Partnerschaft zwischen Dassault und Altium. Wobei ich betonen möchte, dass wir mit vielen Partnern kooperieren. Wir sind in diesem Punkt offen und möchten nicht eingleisig fahren. Das heißt, dass es zwar eine Kooperation mit Dassault gibt, dass aber durchaus die Möglichkeit besteht, dass wir weitere Kooperationen mit anderen PLM-Unternehmen eingehen, um unser Portfolio zu erweitern.

Wird die Mentor-Übernahme Ihr eigenes Geschäft beeinflussen?

Ich denke nicht, dass sich die Übernahme auf unser Geschäft auswirken wird. Denn ich glaube, dass Siemens das Geschäft von Mentor weiter betreiben wird. Kurzfristig wird sich also gar nichts ändern, und langfristig wird man sehen, ob sich die Kundenlandschaft ändert. Siemens ist zwar ein international agierendes, aber eben auch ein deutsches Unternehmen. Hier muss sich zeigen, ob beispielsweise in den USA die Mentor-Tools dann noch zur Realisierung militärischer oder anderer sicherheitsrelevanter Systeme genutzt werden.

Altium ist derzeit der kleinste Anbieter von PCB-Design-Software, will bis 2020 aber zum führenden Anbieter werden. Das dürfte nicht einfach werden.

Sie müssen sich unsere Wachstumszahlen der letzten Jahre anschauen: Wir wachsen im zweistelligen Bereich, ganz im Gegenteil zu unseren Konkurrenten. Hinzu kommt, dass unsere Produkte im Markt sehr gut ankommen und wir sehr viele Neukunden gewinnen. Alleine 2015 waren es 5500 neue Kunden, die unsere Software einsetzen. Auch darin besteht ein großer Unterschied zur Konkurrenz. Die großen EDA-Unternehmen erzielen einen Großteil ihres Umsatzes mit Bestandskunden, die einfach ihre Verträge verlängern. Wir verfolgen mit dem Transaktionsgeschäft ein ganz anderes Geschäftsmodell: Bei uns geht es um neue Kunden.

Das heißt nicht, dass die Transaktionsgeschäfte das alleinige Rezept für den Erfolg sind. Dieser Ansatz muss natürlich mit der richtigen Produktstrategie einhergehen. Wir müssen unsere Produkte leistungsfähig halten. Unsere Tools müssen möglichst viele der Anforderungen für den Mainstream-Markt abdecken, und wir müssen dafür sorgen, dass unsere Produkte einfach zu nutzen und einzusetzen sind.

Dass unsere Produkte im Markt so gut ankommen, liegt darin, dass wir in der Lage sind, komplexe Dinge zu automatisieren und diese in der Software einfach abzubilden. Das kann man auch an unserer neuen Version „Altium Designer 17“ sehen. Eine wichtige Neuerung in diesem Release ist die ActiveRoute-Funktion. Wir haben uns überlegt, warum Entwickler so selten den Auto-Router nutzen, und herausgefunden, dass nicht viele Kunden eine Leiterplatte mit zig Signal-Lagen und Power-Lagen zur Verfügung haben. Gibt es nur zwei Signallagen, plus Power und Ground, dann ist ein horizontales und vertikales Routen nicht möglich. Also haben wir eine Funktion entwickelt, mit der automatisiert geroutet wird, der PCB-Designer aber dennoch die volle Kontrolle hat. Dadurch kann er seine eigene Strategie verfolgen. Mit ActiveRoute kann der PCB-Designer Leitungsbündel definieren und einen Pfad skizzieren. Der Rest erfolgt dann automatisch.

Diese Funktionalitätserweiterungen sind wichtig, denn auf der Entwicklerseite hat sich viel geändert. Heute kann ein Entwickler sein Design nicht einfach an eine Layout-Gruppe weitergeben, sondern er ist für alles selbst verantwortlich, einschließlich der richtigen Teststrategie. Er muss wissen, welche Bauelemente verfügbar sind, ob sie die Spezifikationen erfüllen etc. Heute ist der Aufgabenbereich für die Entwickler viel größer. Unsere Aufgabe ist es, die Aufgaben für das PCB-Design zu vereinfachen und zu automatisieren.

Wurden die zweistelligen Wachstumszahlen organisch oder durch Zukäufe realisiert?

Fast zu 100 Prozent organisch. Bei den von uns durchgeführten Übernahmen geht es eher um die Technologien und nicht um die Kundenbasis unserer Partner.