Trends im Embedded Computing, Teil 1 Angespannte Liefersituationen

Wolfgang Heinz-Fischer, TQ-Gruppe: »Die derzeitige Marktsituation wird schamlos ausgenutzt.«
Wolfgang Heinz-Fischer, TQ-Gruppe: »Die derzeitige Marktsituation wird schamlos ausgenutzt.«

Viele Branchen boomen und gehen neuen Auftragsrekorden entgegen. Doch die oftmals benötige Embedded-Elektronik bleibt rar - die von vielen erhoffte Entspannung verschiebt sich durch die tragischen Ereignisse in Japan.

Hersteller von Embedded-Computern stehen am Ende einer langen Lieferkette elektronischer Bauteile und Komponenten und sind daher leidgeprüft. »Im Industrie-PC-Markt ist die Liefersituation generell immer angespannt«, bestätigt Albin Markwardt, Geschäftsführer von Comp-Mall. »Jeder Kunde will das perfekt zugeschnittene Produkt für seine Anwendung. Das hat zur Folge, dass sehr viele unterschiedliche Produkte auf dem Markt sind. Somit wird fast jedes Produkt auftragsbezogen gebaut, und die Lieferzeiten werden dementsprechend lang.«

Nach Ansicht vieler Embedded-Anbieter verlängern sich momentan die Lieferzeiten für Bauelemente, und die Preise steigen - sehr zum Unmut der Embedded-Spezialisten. »Wir erhalten vielfältige Preisinformationen und Erklärungen, warum der Preis in die Höhe geht«, berichtet Wolfgang Heinz-Fischer, Leiter Marketing und Öffentlichkeitsarbeit der TQ-Gruppe. »Einmal sind es die gestiegenen Lohn- und Energiekosten, einmal muss Japan herhalten, in jedem Fall wird die derzeitige Marktsituation schamlos ausgenutzt.«

»Anzumerken ist, dass teilweise in Europa versucht wurde, die Beschaffungslage, das heißt den Verkäufermarkt mit knappem Angebot und hohen Preisen, künstlich zu verlängern«, sagt Christian Eder, Sales&Marketing Manager EMEA von congatec. »Ein globales Unternehmen, wie es die congatec mittlerweile ja ist, deckt solche Umstände durch seine weit verzweigten Netze natürlich sehr schnell auf.«

Einen Einfluss durch die Katastrophen in Japan erkennen bzw. befürchten zahlreiche Embedded-Anbieter. Neben der Preisentwicklung rechnet man mit weiteren Verknappungen und längeren Lieferzeiten. »Das betrifft einerseits mechanische Komponenten, deren Rohstoffe aktuell nicht verfügbar sind, andererseits aber auch Halbleiter, die aus japanischen Wafern gefertigt werden. Der Speichermarkt scheint sehr stark betroffen zu sein«, berichtet Peter Lippert, General Manager von Lippert Embedded Computers. Alle Auswirkungen lassen sich aber noch nicht komplett abschätzen. »Es wird in Q2 und Q3 noch Beeinflussungen geben, doch wir können diese durch eine Ausweitung unserer Lagermengen weitgehend kompensieren«, erläutert Eder.

Die Embedded-Computer-Anbieter versuchen damit, für ihre Kunden die Situation so gut wie möglich abzufedern. »Derzeit sind wir bei konstanten Preisen lieferfähig«, fasst Christian Blersch, Geschäftsführer der E.E.P.D., zusammen. Das geht ab nur mit erhöhtem Aufwand für die Anbieter. »Wir disponieren frühzeitig bestimmte Kernkomponenten. Wir gehen aber davon aus, dass auch wir die Lieferzeiten einiger Baugruppen anheben müssen«, erklärt Lippert. »Zum Glück sind unsere kostenintensiven Bauteile nicht von der Situation betroffen - damit können wir versuchen, unsere Preise stabil zu halten.« So machen die CPU und der Chipsatz den Löwenanteil einer Embedded-Baugruppe aus.

Die Kunden können mit rechzeitigen Bedarfsprognosen den Embedded-Anbietern natürlich ein Stück weit helfen. »Die meisten Kunden gehen sehr verantwortungsvoll mit dem Thema um und haben eigene Teams, um Gegenmaßnahmen abzustimmen«, berichtet Wolfgang Eisenbarth, Director of Marketing, Embedded Computer Technology der MSC Vertriebs GmbH. »Nur wenige versuchen, die Auswirkungen zu ignorieren, und sehen das Problem ausschließlich bei ihren Zulieferern. Solche Situationen sind absehbar nicht zu kompensieren, weil nur in einer engen Zusammenarbeit die Auswirkungen plötzlicher Zerstörungen wie in Japan abzuschwächen sind.« Allgemein gilt, dass umso häufiger und präzisier Forecasts erstellt werden, je länger die Projektlaufzeiten sind.

Einige Anwender von Embedded-Computer-Technologie nutzen Standards und deren Potenzial zum Austausch von Modulen und deren Anbietern, um so Lieferschwierigkeiten zu vermeiden - Design-by-Availability. Dabei gilt: Je spezifischer eine Baugruppe auf die Anwendung abgestimmt ist - dies trifft besonders für Custom Designs zu -, umso seltener wechseln die Anwender die Baugruppen aus. Im Umkehrschluss gilt: Je generischer die Baugruppe ist, umso eher wird der Lieferant gewechselt. »Im Computer-on-Modul-Bereich mit 2nd-Source ist das sicher leichter zu erreichen als in einer herstellerspezifischen Lösung. Wir haben jedoch die Erfahrung gemacht, dass durch Zulassungen und eingespielte Produktionsprozesse die erste Wahl, auch in der Krise, auf den Stammlieferanten fällt«, berichtet Eisenbarth. »Bevor jedoch die Auswirkungen für einen Kunden zu kritisch werden, müssen wir auch damit rechnen, dass Kunden diesen Vorteil von CoMs und damit die 2nd-Source nutzen.«

Eine Dauerlösung kann diese Strategie allerdings nicht sein, betont Klaus Rottmayr, General Manager von ICP Deutschland: »Design-by-Availability wäre kein langfristiger Ansatz, sondern nur aus der Not heraus geboren, weil sich die Verfügbarkeit für ein Produkt durch die unterschiedlichsten Vorkommnisse permanent verändern kann. Diese Methode kann für Einzelaufträge funktionieren, aber nicht für Serienprojekte. Vielleicht gewinnt ein alter Ansatz wieder mehr an Bedeutung: Design-based-on-Flexibility.«