Kein Material: Ist die Lieferkette nicht lernfähig? »Wir brauchen mehr Verantwortungsbewusstsein in der Supply Chain«

Bernhard Rindt, SRI: »Die einzelnen Elemente in der Lieferkette haben sich im letzten Jahr nur auf die Cash-Optimierung konzentriert. Jetzt greift der Kunde quasi unberechenbar in die Kette ein, und schon gerät die Lieferkette aus der Balance.«

Auch wenn sich die Auftragslage für den EMS-Markt vor allem in den letzten beiden Monaten sehr positiv entwickelt hat: Ungetrübt ist die Freude über den Auftragsboom nicht. Schuld daran ist das massive Problem der Materialverfügbarkeit, das vor allem neue Projekte gefährdet und die Lieferkette zunehmend beunruhigt.

 

»Wenn wir einigen Kunden sagen müssen, dass wir erst in einem halben Jahr ausliefern, dann ist das alles andere als zufriedenstellend«, gibt Waldemar Christen, Leiter Vertrieb und Marketing bei der BMK Group, im Rahmen des Markt&Technik-Forums »EMS« zu bedenken. Schwierig ist die Situation laut Guido Perrelet, Geschäftsführer von Asertronics, vor allem deshalb, weil man gerade jetzt in neue Märkte vordringen will und dabei durch lange Lieferzeiten oder gar Allokation ausgebremst wird. Peter Sommer, Leiter technischer Vertrieb, Lacroix Electronics, formuliert es noch drastischer. »Mir graut vor dem dritten Quartal, das könnte noch eine Katastrophe geben.« Dass die Hersteller oder Distributoren durch künstliche Verknappung ihre Preise hochtreiben wollen, mag zwar niemand in der EMS-Runde unterstellen. Dennoch wird von einigen Seiten deutliche Kritik an den Komponenten-Lieferanten laut: »Die Hersteller sollten global die Märkte besser beobachten«, fordert Helmut Bechtold, Geschäftsführer von Firstronic. »Sie schaffen Abhängigkeiten, sind aber dann nicht bereit, die Verantwortung zu übernehmen.« 

Ist die Lieferkette nicht lernfähig?

Das heutige Szenario erinnert durchaus an die Jahre 2000 und 2001 - ist die Lieferkette nicht lernfähig? »Wohl kaum«, meint Oliver Behrendt, Geschäftsführer von Sumida EMS (ehemals Vogt EMS). »Das Problem beginnt schon beim Bestellverhalten unserer Kunden«, so Behrendt. »Wir bekommen kein Commitment, nur sehr vage Angaben über Bestellungen und Stückzahlen.« Dabei habe man die Kunden schon seit Mitte letzen Jahres darauf aufmerksam gemacht, dass in einigen Bereichen Allokation droht. Hier sieht auch Bernhard Rindt, Mitglied der Geschäftsführung bei SRI, das entscheidende Problem: »Die einzelnen Elemente in der Lieferkette haben sich im letzten Jahr nur auf die Cash-Optimierung konzentriert. Jetzt greift der Kunde quasi unberechenbar in die Kette ein, und schon gerät die Lieferkette aus der Balance.« Die engen logistischen Ver- und Anbindungen, eigentlich eine positive Errungenschaft der Lieferkette, haben das Problem noch zusätzlich verschärft, gibt Johann Weber, Vorstandsvorsitzender bei Zollner Elektronik, zu bedenken. »Dadurch atmen wir genau im Rhythmus des Marktes.« Anders ausgedrückt heißt das: Die Lieferkette hat im vergangen Jahr »von der Hand in den Mund gelebt«, die Lager so exakt wie möglich den Bedarfen angepasst bzw. auf ein Minimum zurückgefahren. In der Folge waren und sind die Lager daher nicht auf den Ansturm gerüstet, der sich seit Ende 2009 abzeichnet. 

Doppel- und Dreifachbestellungen verfälschen das Bild

Um dennoch an das benötigte Material zu kommen, tätigen viele EMS-Firmen buchstäblich Hamsterkäufe oder platzieren ihre Bestellungen teils doppelt und dreifach, um wenigstens einen Teil der Stückzahlen produzieren zu können. Das führt laut Rüdiger Stahl, Geschäftsführer TQ-Group, zu einer Überhitzung und zu einer Nachfrage am Markt, die gar nicht real ist. Weber befürchtet zudem, dass es im Herbst – auch das wäre wieder eine Parallele zu 2000/2001, zum so genannten Peitscheneffekt kommt, sich die Situation also umkehren könnte, sobald sich das Kundenverhalten beruhigt und die Bestellungen konsolidiert haben. »Die eingehenden Aufträge sind nach unserem Gefühl wesentlich höher als der  tatsächliche Bedarf«, das sei mit Vorsicht zu genießen, warnt Weber.  

Auswege aus dem Dilemma?

Eine kurzfristige Lösung für das Problem scheint zwar (noch) nicht in Sicht, dennoch gibt es einige Ansätze, um die Materialproblematik zumindest mittelfristig besser in den Griff zu bekommen. So sieht Stahl eine mögliche Lösung in langfristigen Partnerschaften mit Lieferanten. Schon heute zeige sich, so Stahl, dass man mit langfristigen Lieferanten- und Kundenbeziehungen so gut wie keine Probleme habe. Mehr Transparenz in der Lieferkette fordert Weber: »Wir brauchen viel mehr Transparenz in der Supply Chain zu den Kunden, aber auch zurück zu den Distriburoren und Herstellern. Die Ketten müssen noch viel mehr miteinander verknüpft werden, damit sie funktionieren. Verbesserungspotenzial sehen die Teilnehmer auch beim Second Sourcing und im Design-in. Mittlerweile habe es sich eingebürgert, erklärt Weber, dass nur noch eines oder maximal zwei Bauteile freigegeben sind, früher waren es drei bis vier. Hier müsse ein Umdenken stattfinden, fordern die Teilnehmer. Hinzu kommt, dass der EMS-Kunde allzu oft Bauteile eindesignt, die schon am Ende ihres Lebenszyklus stehen. Ein Problem, das durchaus in den Griff zu bekommen wäre, wenn der EMS-Dienstleister früher in den Entwicklungsprozess des Kunden eingebunden würde, gibt Behrendt zu bedenken.