Industrie 4.0 im Shopfloor »Wer Industrie 4.0 verschläft, hat vielleicht morgen kein Unternehmen mehr«

Johann Weber, Zollner

»Ich muss Qualität ganz vorne in der Entwicklung realisieren, damit ich die Prozessfähigkeit erreichen kann und nicht 
die Qualität durch Reparaturen erzielen muss.«
Johann Weber, Zollner: »Die Zeiten ändern sich, und wer Industrie 4.0 verschläft, hat vielleicht morgen kein Unternehmen mehr.«

Industrie 4.0 ist längst im Shopfloor der Elektronikfertigung angekommen. Vernetzte Fertigungsprozesse nach innen und »smarte« Tools sind bei vielen EMS-Unternehmen bereits implementiert, wie die Markt&Technik Diskussionsrunde »EMS« unterstreicht.

Klar ist aber auch: Jeder in der Diskussionsrunde (und nicht nur dort) versteht unter Industrie 4.0 etwas anderes. Das liegt in der Natur der Sache, weil bislang kaum einheitliche Referenzen vorhanden sind, an denen sich ein allgemeingültiges und offizielles Industrie-4.0-Leitbild orien-tieren könnte. Wahrscheinlich wird es sie auch nie geben, denn jede Produktion hat eigene Anforderungen und Herausforderungen. 

»Es gibt zig Definitionen und Beispiele, die sind aber oft nicht wirklich praxistauglich«, meint Rüdiger Stahl, Geschäftsführer von TQ. Stahl nennt als Beispiel das »berühmte Werkstück«, das seiner Bearbeitungsmaschine sagt, was sie tun soll und welche Bauelemente es benötigt: »Das ist vielleicht noch in der Automobilindustrie denkbar, aber auch dort läuft das normalerweise anders: Die Daten sind in einem ERP-System gespeichert und über die Fahrgestellnummer wird das Fahrzeug identifiziert und ein System MES, ERP oder Datenbank sagt den einzelnen Linien, was zu tun ist.« So entstehen in der Praxis viele Insellösungen, die jede für sich ein Stück weit einer Eigeninterpretation von Industrie 4.0 folgt. 

Bernd Enser, Vice President Global Automotive von Sanmina, verweist zur Begriffsklärung auf die ZVEI-Technologie-Roadmap, in die Industrie 4.0 als Kernthema einfließt und die derzeit erarbeitet wird: »Es entwickelt sich jetzt etwas Greifbares, aber es bedarf etwa noch ein Jahr intensiver Definitionsarbeit von Normungsinstituten, Politik, und Hochschulen, um das Fundament zu haben, worauf wir aufbauen können.« Im Frühjahr hat der ZVEI das RAMI-4.0-Modell und die Industrie-4.0-Komponente vorgestellt. Mithilfe dieser Tools arbeiten die Gremien nun an der Normung. Viele Unternehmen wollen dies allerdings nicht abwarten und legen selbsttätig los. Schließlich machen es andere Länder vor, wie ein Industrie-4.0-Start »from scratch« funktioniert, wie etwa die USA mit dem IIC.

Industrie 4.0 in etwas Vermarktbares umsetzen

»Wir sehen, dass andere Länder versuchen, Industrie 4.0 in etwas Vermarktbares umzusetzen. Wir hingegen versuchen, etwas absolut Sicheres und Greifbares zu schaffen. Die Wahrheit wird wohl irgendwo dazwischen liegen«, meint Enser. »Der Weg ist das Ziel. Wir haben schon sehr viel, aber wir sind noch nicht auf der Endausbaustufe angelangt. Dennoch ist die Elektronikfertigung hier schon sehr weit.« Als Beispiele nennt Enser die Prozessverriegelung: Maschinen kontrollieren Maschinen, und/oder Maschinen justieren Maschinen auf Basis von Daten. 

Bei der Umsetzung von Industrie-4.0-Ansätzen innerhalb der eigenen Produktion sind die Elektronik-Auftragsfertiger schon aufgrund der umfassenden Traceability-Anforderungen in der Tat Vorreiter, wenn es um »Big Data« geht. Allerdings ist das Datensammeln nur ein erster Schritt. »Es geht darum, aus Big Data mit den richtigen Algorithmen die richtigen Schlüsse zu ziehen und darzustellen«, fasst Gerd Ohl, Geschäftsführer von Limtronik zusammen. Limtronik ist Gründungsmitglied des Vereins »Smart Electronic Factory«, der sich den technischen Fragen widmet, wie aus Big Data in der Fertigung smarte Daten generiert und daraus die richtigen Schlüsse gezogen werden können. Die praktische Umsetzung erfolgt in der Fertigung von Limtronik. »Die Frage, die uns derzeit beschäftigt, Lautet: Wie hoch ist die Qualität der Daten, die wir zur Verfügung gestellt bekommen, und was bringen die Big Data Tools, die die Auswerteroutinen machen?«, so Ohl. 

Industrie 4.0 darf nach Ansicht von Johann Weber, Vorstandsvorsitzender von Zollner Elektronik, aber nicht nur den Produktentstehungsprozess im maschinellen Umfeld betrachten, sondern muss auch die manuellen Prozesse unterstützen. Bei Zollner wird dies zum Beispiel mit Hilfe von Pic to light, Pic oder Voice umgesetzt: Dabei wird dem Bediener über eine intelligente Lichtanzeige oder per Audio mitgeteilt, welche Teile er für die manuelle Bestückung entnehmen muss. Als weiteres Beispiel nennt Weber die vollautomatischen papierlosen Rechnungsprozesse über EDI, die ebenfalls Bestandteil von Industrie 4.0 sein müssen. »Auch unser C-Teile-Management läuft bereits automatisch: Jeder Behälter steht auf einer Waage, und über die Differenzmenge wird dem Lieferanten mitgeteilt, welche Waren er nachliefern muss. Das alles geht bereits in Richtung Industrie 4.0«, so Weber. Intern sind also viele Fertigungen in Deutschland und dem deutschsprachigen Ausland schon recht gut aufgestellt. Wollen (Fertigungs-)Unternehmen mit externen Partnern und über die Supply Chain hinweg kommunizieren, was der Ursprungsgedanke von Industrie 4.0 ist, dann stellt sich allerdings wieder die Frage nach standardisierten Strukturen, schließlich geht es auch darum, wer wann für die Daten verantwortlich ist: »In diesem Punkt brauchen wir die Normung, gleichzeitig kann jeder einzelne aber schon sehr viel tun«, sagt Michael Velmeden, Geschäftsführer von cms electronics. »Ich bin überzeugt davon, dass Industrie 4.0 aus der Praxis eine normative Kraft des Faktischen bekommen wird.«