Nach dem Brexit Verlagerungsboom nach Deutschland?

Der Brexit und seine Auswirkungen

Internationale Unternehmen nehmen Deutschland mit großem Abstand als Top-Investitionsstandort in Europa wahr. Ernst & Young zufolge plant jede siebte Firma eine Verlagerung aus Großbritannien.

Noch ist Großbritannien gar nicht aus der Europäischen Union ausgestiegen – doch der bevorstehende Brexit hat bereits gravierende Auswirkungen und lässt vor allem die Attraktivität des Standortes Deutschland steigen. 40 Prozent der ausländischen Unternehmen nehmen Deutschland als Top-Investitionsstandort in Europa wahr – das sind zwei Prozentpunkte mehr als noch vor einem Jahr.

Damit baut Deutschland seinen Vorsprung innerhalb Europas gegenüber Großbritannien aus. Nur noch 22 Prozent (2016: 27 Prozent) sehen Großbritannien als führenden Standort. Noch weiter abgeschlagen ist Frankreich mit acht Prozent der Nennungen (Vorjahr: sieben Prozent).

Die hohe Attraktivität des hiesigen Standortes dürfte auch dazu führen, dass Unternehmen beziehungsweise Unternehmensteile von Großbritannien nach Deutschland verlagert werden. Denn jedes siebte in Großbritannien aktive Unternehmen plant bereits jetzt, Geschäftsbereiche aus Großbritannien zu verlagern. Verlagerungen kommen im übrigen Europa für gerade einmal jedes 50te Unternehmen in Frage.

Für die in Großbritannien aktiven Unternehmen bietet sich vor allem eine Alternative: Deutschland. 54 Prozent nennen Deutschland als bevorzugtes Ziel außerhalb Großbritanniens. Die Niederlande (33 Prozent) und Frankreich (8 Prozent) landen weit dahinter.

Das sind Ergebnisse einer Befragung von 254 Unternehmen durch die Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY. 75 Prozent der befragten Unternehmen haben ihren Sitz oder eine Niederlassung in Großbritannien.

Hubert Barth, Vorsitzender der Geschäftsführung in Deutschland, erwartet, dass der Standort Deutschland im Zuge des Brexit attraktive Unternehmen anziehen wird: „Es zeigt sich, dass der anstehende Brexit für große Unsicherheit bei der Wirtschaft in Großbritannien sorgt. Der sichere Zugang zum europäischen Binnenmarkt ist und bleibt ein wichtiger Wettbewerbsvorteil. Deswegen suchen die in Großbritannien ansässigen Unternehmen nach Alternativen. Erfreulich aus deutscher Sicht ist, dass der hiesige Standort als besonders attraktiv wahrgenommen wird. In einem volatilen Umfeld, in dem auch in Nachbarländern Populisten nach der Macht greifen und der Nationalismus sich ausbreitet, hat Deutschland die Chance, sich als Stabilitätsanker zu erweisen.“

56 Prozent der Unternehmen wollen mehr in Europa investieren

Auch Europa bleibt ein attraktiver Standort aus Sicht der internationalen Unternehmen und wird sogar noch attraktiver: 56 Prozent der Unternehmen wollen ihre Investitionen in Europa ausbauen.

Bernhard Lorentz, Partner bei EY und Leiter des Bereichs Government & Public Sector für Deutschland, die Schweiz und Österreich, sieht daher neben allen Herausforderungen auch positive Zeichen für die EU: „Die Europäische Union ist stark und attraktiv genug, um auch ohne Großbritannien internationale Investoren anzuziehen. Die relative Gelassenheit der Wirtschaft außerhalb Großbritanniens ist ein ermutigendes Signal an die europäische Gemeinschaft.“ Lorentz sieht vor allem den Standort Deutschland als Alternative zu Großbritannien gut aufgestellt: „Wer Zugang zum europäischen Binnenmarkt suchte, hat bisher häufig von Großbritannien aus operiert. Künftig könnten andere europäische Länder das Rennen machen, allen voran Deutschland. Die Wirtschaft findet hierzulande nicht nur rechtliche, politische und soziale Sicherheit. Sie kann auch auf eine hervorragende Infrastruktur, gut ausgebildete Fachkräfte und einen im internationalen Vergleich attraktiven Immobilienmarkt zählen.“