Übernahme von Valor Computerized Systems »Unsere Vision ist eine komplett vernetzte Fertigung«

Stefan Häfele, Valor: »Wir glauben, dass wir in der Software gestützten Fertigungsautomatisierung ganz am Anfang stehen. Viele unserer Kunden haben eine Linien-Auslastung von nur 60 Prozent. Es liegt also viel Potenzial darin, mit Hilfe einer vernünftigen Software-Struktur mehr Effizienz zu schaffen. Deshalb werden wir uns auf eine durchgängiges »End-to-End« System für die Elektronik-Industrie konzentrieren und investieren hier sehr viel Ressourcen in die Entwicklung.«

Seit dem 18. März ist Valor ein Geschäftsbereich von Mentor Graphics. Die Valor-Software-Produkte zählen zu den führenden Tools für das PCB-Design und die Prozesssteuerung in der Elektronikfertigung. Mit der Übernahme ist Mentor nun der einzige EDA-Anbieter, der die Lücke zwischen Design und Fertigung schließt. Auch für Valor sieht Stephan Häfele, Business Manager EMEA, Valor Division, viel Potenzial: »Wir haben jetzt auf Schnittstellen und Technologien Zugriff, die uns vorher gefehlt haben.«

Markt & Technik: Die Übernahme von Valor durch Mentor Graphics ist seit kurzem abgeschlossen. Warum erfolgte dieser Schritt? War Valor alleine im Markt nicht überlebensfähig?

Das war eine strategische Übernahme und hatte nicht den Hintergrund, dass der Starke den Schwachen schluckt. Beide Firmen sind sehr stark am Markt. Valor kann auf 28 profitable Quartale mit einem Cash-Bestand von 30 Millionen US Dollar zurückblicken. Selbst in dem schwierigen Jahr 2009 waren wir profitabel. Durch den Zusammenschluss mit Mentor Graphics können nun beide Firmen ihre Vision in die Tat umsetzen: eine End-to-End-Lösung vom Design bis hin zur Fertigung. Mentor Graphics ist mir der Valor Business Unit nun am Markt der einzige Softwarelieferant, der das bieten kann.

Valor fungiert nicht als eigenständige Tochtergesellschaft, sonder als Business Unit von Mentor. Wird die Marke weiterhin bestehen oder mittelfristig in das Mentor-Portfolio eingegliedert werden?

Die Marke Valor ist am Markt sehr gut etabliert und soll natürlich weiter bestehen. Wir werden als eigenständige Business Unit »Valor« in der System Design Division (SDD) von Mentor unter dem Namen »Mentor Graphics, Valor Division« agieren. Das bestehende Management wird die Business Unit auch weiterhin führen. Und auch unsere Vertriebs- und Supportkanäle im Bereich der Elektronikfertigung werden wir beibehalten.

Mit der Akquisition von Valor ist Mentor nun der einzige EDA-Anbieter, der gleichzeitig die drei Hauptbereiche der Leiterplattenfertigung - Entwurf des physikalischen Layouts einer Leiterplatte, Fertigung der blanken Leiterplatte und Bestückung der Komponenten – abdeckt. Wo liegen im Umkehrschluss die Vorteile für Valor? 

Wir profitieren von der Technologie, die bei Mentor vorhanden ist und in unserem Portfolio gefehlt hat. Wir haben jetzt auch den direkten Zugriff auf Design-Lösungen, Tools und Schnittstellen, was uns sicherlich einen erheblichen Vorteil am Markt verschaffen wird: Mentor hat vor einiger Zeit die Firma RSI gekauft. Dabei geht es um Technologie im Bereich elektrischer Test und Testprogramme zum Beispiel für Flying Probe Tester. Diese werden  wir weiterentwickeln und in unsere Software-Systeme integrieren werden. Oder wenn es um  Datenübernahme geht, können wir die Informationen jetzt aus dem Design-System einfacher in die Valor-Systeme integrieren.

Schließen Sie damit für Ihre Software nicht die Türe für andere EDA-Anbieter?

Nach wie vor sind wir offen für andere EDA-Anbieter. Aber das Ziel ist, dass wir zu Mentor-Tools einen besseren Standard entwickeln als zu Mitbewerbsprodukten, um dem Kunden einen kommerziellen Vorteil zu bieten, wenn er »alles aus einer Hand« kauft. Unsere Tools sprechen dieselbe Sprache und der Kunde hat ein Tool, das den gesamten Design-Zyklus abdeckt.

Wie ist der (neue) Vertrieb strukturiert?  

Die Verkaufs- und Support-Kanäle für die Bestückungs- bzw. Fertigungsindustrie werden wir weiterhin direkt über unsere Valor-Mitarbeiter abdecken, weil wir andere Ansprechpartner haben als Mentor. Die Mentor Support- und Vertriebskanäle sind sehr stark auf den Design-Bereich ausgelegt. Im Bestückungsbereich läuft der Vertrieb aber ganz anders, weil wir hier sehr nah an der Produktion sind. Dort ist die Business-Kultur anders als im Design-Bereich. Intern unterstützen wir uns natürlich, aber beim Kunden vor Ort ist der Vertrieb normalerweise im ersten Schritt getrennt. Natürlich gibt es von Fall zu Fall gemeinsame Aktivitäten, beispielsweise gemeinsame Besprechungen beim Kunden. 

Valor wirbt mit dem Slogan: »We don’t sell software, we deliver productivity, quality and profit to our customers.« Das ist eine schöne Marketing-Phrase, aber was steckt dahinter?

Aus der Historie heraus herrscht in vielen Fertigungen ein ziemliches Software-Durcheinander: Wenn Sie in einen Fertigungsbetrieb gehen, laufen teils zwischen 60 und 100 verschiedene Software-Applikationen, die miteinander kommunizieren sollen. Wenn Sie an einer Stellschraube drehen, gibt unter Umständen das ganze System den Geist auf. Unsere Philosophie ist: nicht jedes Problem mit einer separaten Applikation erschlagen, sondern ein durchgängiges System schaffen. Wir bieten eine skalierbare Lösung, die sich modular ausbauen lässt. Der Kunden kann in unser System einsteigen und es mit wachsen lassen, ohne neue Single-Point-Solutions einführen zu müssen.