M&T-Forum »Obsolescence Management« Strategien zur Risiko-Minimierung

Das Thema Obsolescence Management betrifft nicht nur die Abkündigung elektronischer Bauteile, »sondern auch Bereiche wie Software, Materialien, Hilfsstoffe, Mitarbeiter, Dokumentation und gesetzliche Obsolescence«, sagt Dr. Wolfgang Heinbach, D+D+M-Geschäftsführer.

Für die von Produktänderungen und Abkündigungen betroffenen Firmen geht es um das ökonomische Handling von PCNs und vor allem um Strategien zur Minimierung des Risikos.

Beim Thema Obsolescence legt Heinbach unisono mit den Forumsteilnehmern Wert auf den »ganz wichtigen Punkt, dass es nicht um geplanten Verschleiß geht«. Obsolescence betrifft vielmehr die Flut an PCNs (Product Change Notifications) und die Konsequenzen, die daraus für die Elektronikbranche resultieren. Einer Untersuchung von Arrow zufolge gab es 2014 40.000 PCNs, im Jahr darauf bereits 80.000, und für dieses Jahr werden 120.000 prognostiziert. Katalogdistributor Digi-Key listet auf seiner Webseite 5 Mio. Bauteile auf, wovon 1 Mio. eine PCN zugeteilt ist, was Digi-Key-Geschäftsführer Hermann Reiter als »Damoklesschwert« bezeichnet und sich fragt: »Wie soll das jemand verarbeiten?«

Das derzeitige Problem beim Handling mit PCNs ist, dass jeder Hersteller seine Abkündigungen in einem Format seiner Wahl verschickt, also als E-Mail oder als Excel-, PDF- oder Word-Datei. Bei bebro electronic, einem EMS-Dienstleister mit rund 500 Mitarbeitern, sind laut Vertriebsmitarbeiter Peter Sommer »zwei Ingenieure allein mit dem Erfassen der PCNs beschäftigt«. Anke Bartel, Leiterin Kundencenter 2 der TQ-Systems GmbH, ebenfalls ein EMS-Unternehmen, spricht von »typischerweise 200 bis 300 PCNs pro Woche«. Yvonne Drossel, seit 1 Jahr Obsolescence-Beauftragte von MRCE, das 80 Mitarbeiter hat und Lokomotiven vermietet, »müsste eigentlich 100 Prozent meiner Zeit investieren, um das Thema nicht nur reaktiv, sondern auch proaktiv angehen zu können«.

smartPCN

Momentan gibt es bei PCNs keinen Standard, Daten sind überdies nicht immer zugänglich, das Erfassen der Daten ist zeitaufwändig und mindert zudem die Produktivität der Unternehmen. »Schön wäre ein Standard, wenn also alle Hersteller PCNs einheitlich machen würden«, bringt es Siegfried Kälber, Leiter Service- und Qualitätsmanagement der Rutronik Elektronische Bauelemente GmbH, auf den Punkt. Um der Standardisierung einen Schub zu verleihen, hat sich vor gut 6 Jahren eine Arbeitsgruppe der COG zusammengetan und smartPCN auf den Weg gebracht. »Jetzt ist das Tool marktreif, wir werden als Hersteller der erste sein, der Produktänderungen und Abkündigungen via smartPCN verschickt«, sagt Axel Wagner, Leiter Consulting, Legal&Compliances Würth Elektronik eiSos.

Über den automatisierten Datentransport kann man die smartPCN-Daten ins SAP reinbringen, somit sind die Daten tansparent, die »Schnittstelle Tastatur wird nicht mehr benötigt und mir flutscht nicht mehr etwas durch«. Jetzt gehe es darum, den offenen Standard zum Laufen zu bringen. Für dieses Ziel wird smartPCN auf der electronica präsentiert, es sei aber auch klar, dass es dauert, »bis das von jedem verstanden wird«. Interesse haben übrigens auch schon japanische Halbleiterhersteller bekundet, um ihre Vorlieferanten einzubinden etwa bei Wafer-Änderungen. Gespräche mit dem FBDi haben ebenfalls bereits stattgefunden.

Ein Anfang ist also gemacht, aber einen großen Hersteller wie Intel dazu zu bewegen, auf dieses Tool zu setzen, dürfte schwierig werden. Heinbach betont überdies, dass smartPCN »keine Konkurrenz zu Datenbanken etwa von IHS ist, sondern eine Ergänzung, wir wandeln Produktänderungen und Abkündigungen nur in smartPCN um«. Auf der electronica werde seine Firma eine Software vorstellen, mit der man auf Verbraucherseite automatisch konvertieren und alle Prozesse werde steuern können.

Die Teilnehmer am M&T-Forum Obsolescence-Management:

Anke Bartel, TQ-Systems

Konrad Bechler, Infineon Technologies

Dr. Jörg Berkemeyer, IHS Global

Yvonne Drossel, Mitsui Rail Capital Europe

Ulrich Ermel, Puls

Dr. Wolfgang Heinbach, D+D+M Daten- und Dokumentations-Management GmbH

Siegfried Kälber, Rutronik Elektronische Bauelemente

Hermann Reiter, Digi-Key Electronics Germany

Erich Schenk, Markt&Technik

Peter Sommer, bebro electronic

Axel Wagner, Würth Elektronik eiSos