Russland-Sanktionen Sind deutsche Lieferanten am Ende die Dummen?

Deutschland hat gegen Russland die strengsten Maßregeln verabschiedet. "Das setzt uns in Nachteil gegenüber anderen Ländern. Es gibt Anbieter, die liefern zum Beispiel aus Frankreich nach Russland", erklärt Michael Knappmann von Avnet Abacus

Die Sanktionen gegen Russland sind in der Realwirtschaft angekommen und wirken sich auch in der deutschen Elektronikindustrie unmittelbar negativ auf die Auftragslage aus. Was Firmen aus Deutschland nicht liefern dürfen, erhält Russland jetzt eben aus Frankreich oder China.

Die Sinnhaftigkeit der Einschränkungen bleibt umstritten, weil sie noch nicht einmal EU-weit einheitlich sind.

»Viele deutsche Firmen sind mit Russland verbandelt und haben dort jetzt Probleme aufgrund der eingeleiteten Sanktionen«, erklärt Hermann Püthe, Geschäftsführender Gesellschafter von inpotron Schaltnetzteile.

Die Auswirkungen sind bereits in Zahlen messbar, wie der ZVEI in einem Außenhandelsspezial »Russland/Ukraine« feststellt: Russland war im Jahr 2013 mit 5,6 Milliarden Euro noch das zehntwichtigste Bestimmungsland deutscher Elektroexporte. Im ersten Halbjahr 2014 gingen die Elektroexporte nach Russland um 19,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf 2,2 Milliarden Euro zurück. Damit fiel Russland von Platz 10 im Abnehmerranking auf Platz 14. Der Anteil an den gesamten deutschen Elektroexporten lag im ersten Halbjahre 2014 nur noch bei 2,8 Prozent (–0,7 Prozentpunkte gegenüber dem Gesamtjahr 2013).  

»Wir spüren einen deutlichen Rückgang gegenüber dem vergangenen Jahr. Ich rechne für 2014 mit einem Minus von 20 bis 25 Prozent für unser Russlandgeschäft«, sagt Roland Chochoiek, Geschäftsgebietsleiter Elektronik von Heitec. Das fällt besonders ins Gewicht, weil Heitec im vergangenen Jahr die Standard-Elektronikaufbausysteme von Rittal übernommen hatte, die traditionell sehr stark im russischen Markt vertreten sind. »Wir zählen das Russlandgeschäft mit zu Europa, und hier ist Russland unser stärkster Exportmarkt. Der Rückgang tut schon weh«, erklärt Chochoiek. Und das obwohl die Produkte des Unternehmens – »Wir haben das offiziell prüfen lassen«, so Chochoiek – gar nicht unter Waren fallen, die sowohl zivil als auch militärisch genutzt werden können. Nur diese Dual-Use-Produkte sind vom Embargo der EU betroffen. 

Aus Russland spürt Chochoiek zwei Reaktionen: Erstens werden Projekte, die auf Komponenten basieren, die jetzt vom Embargo betroffen sind, meist vollständig aufgegeben. Damit brauchen die ursprünglichen Auftraggeber natürlich auch Komponenten nicht, die nicht vom Embargo betroffen sind. Zweitens sei zu spüren, dass die Regierung von Russland die Devise ausgibt, möglichst viel in Russland selber zu kaufen. »Das wirkt sich besonders auf Commodity-Produkte aus, die auch in Russland zur Verfügung stehen. Produkte, die es lokal nicht gibt, liefern wir in vielen Fällen weiterhin.« Viel Hoffnung darauf, dass sich an der gegenwärtigen Situation kurzfristig etwas ändern könne, macht er sich derzeit nicht. Zwar habe sich der Auftragseingang aus Russland in letzter Zeit etwas belebt, aber das werde an dem eingangs erwähnten Minus für dieses Jahr nicht mehr viel ändern können. Chochoiek: »Noch im Oktober werde ich nach Russland reisen, um mir bei unseren Partnern und Kunden vor Ort ein Bild zu machen, dann werden wir vielleicht etwas klarer sehen.«

Der Eindruck der Systemlieferanten setzt sich auf Bauelemente-Ebene fort: Dr. Arne Albertsen, Manager Sales & Marketing, Jianghai Europe Electronic Components, spricht von Nervosität und Frustration: »Mit einem gewissen Trotz und der Hoffnung auf eine friedliche und einvernehmliche Lösung werden laufende Projekte weiter begleitet, jedoch liegen viele Investitionen auf Eis. Ohne deutliche und eindeutige Entspannungssignale kann nicht damit gerechnet werden, dass diese Investitionen kurzfristig wieder freigegeben werden. Der tatsächliche Schaden dieser Krise wird somit erst viel später sichtbar.« 

Obwohl Avnet Abacus kein ausgewiesener MIL-Produkte-Lieferant ist, rechnet auch Michael Knappmann, Regional Vice President für Zentral- und Osteuropa, für das vierte Quartal 2014 mit
einem Rückgang im einstelligen Prozent-Bereich. »Wir stehen nicht in der ersten Reihe der betroffenen Anbieter. Das ist auf der einen Seite gut, auf der anderen Seite schlecht: gut, weil wir nicht umfassend betroffen sind, schlecht, weil wir nicht genau wissen, was auf uns zukommt«, gibt Knappmann zu bedenken und weist auch darauf hin, dass Deutschland gegen Russland die strengsten Maßregeln verabschiedet habe. »Das setzt uns in Nachteil gegenüber anderen Ländern. Es gibt Anbieter, die liefern zum Beispiel aus Frankreich nach Russland."

Wie Chochoiek setzt auch Knappmann auf die persönliche Kommunikation mit dem Kunden: »Wir versuchen, mit unseren Endkunden zu reden, soweit wir davon ausgehen können, dass sie Embargo-sensitive Geräte bauen.« So hofft Knappmann, wenigstens Storni zu verhindern, die sich negativ auf den Auftragseingang und die Book-to-Bill auswirken, wie der Avnet Abacus VP an einem Beispiel erläutert: »Stellen Sie sich vor, wir liefern Widerstände an einen Bestücker. Oft kennen wir den Endkunden und die Applikation nicht. Der Bestücker baut daraus eine Steuerungsplatine. Die wird vom Endkunden in hocheffiziente Energiepumpen eingebaut. Für diese Pumpen wird keine Ausfuhrgenehmigung erteilt. Und schon dreht sich das Rad rückwärts: Der Endkunde kann keine Pumpen ausliefern, er reduziert oder storniert seinen Bedarf gegenüber dem EMS, der EMS reduziert seine Abnahme gegenüber Abacus. 

Für einen Katalogdistributor ist Russland aufgrund der rigiden Zollpolitik sowieso ein schwieriges Terrain, weil der ursprüngliche USP »Schnelle Lieferung« durch das langwierige Einfuhr-Procedere ad absurdum geführt wird. Die Sanktionen tun nun ihr übriges, wie Dr. Marc Schacherer bestätigt, Regional Sales Director für Zentral- und Osteuropa von Farnell element14: »Die Nachfrage aus Russland ist deutlich zurückgegangen. Woran das liegt, ist aber schwer zu sagen. Ein Grund ist wohl, dass Dual-Use-Produkte, die sowohl zivil als auch militärisch eingesetzt werden können, jetzt deutlich aufmerksamer beobachtet werden als vor dem Ukraine Konflikt.« Farnell bedient Russland nicht direkt, sondern über Partner. 

 

Die Sinnhaftigkeit der Einschränkungen bleibt umstritten, weil sie EU-weit nicht einheitlich sind.