Welche Qualitätsanforderungen stellt der Kunden an den Electronic Manufacturing Service (EMS)? Qualität beginnt schon beim Design

Georg Unterlugauer, TQ: »Das Design entscheidet letztendlich, ob ein Produkt die hohen Qualitätsansprüche der Kunden erfüllen kann oder nicht.«
Georg Unterlugauer, TQ: »Das Design entscheidet letztendlich, ob ein Produkt die hohen Qualitätsansprüche der Kunden erfüllen kann oder nicht.«

Viele Faktoren müssen zusammenspielen, damit eine Serie möglichst fehlerfrei vom Band läuft. So ist die Null-Fehlerquote der Wunschtraum jedes Kunden und Fertigers. In der Praxis ist sie jedoch nach Ansicht von Georg Unterlugauer, Leiter Qualitätsmanagement der TQ-Group unrealistisch. Denn Qualität fängt bereits beim Design an und darauf hat der EMS nicht immer Einfluss.

Markt & Technik: Haben sich die Anforderungen der Kunden in dieser Hinsicht aufgrund der Krise 2009 und des folgenden hohen Lieferdrucks im letzten Jahr verändert?
Georg Unterlugauer: Das stellen wir nicht fest, denn unsere Kunden hatten schon immer einen hohen Anspruch an die Qualität. Verändert hat sich unter Umständen der Wunsch, die Qualitätsziele über Verträge oder Qualitätssicherungsvereinbarungen verbindlich zu vereinbaren.

Welche Qualität fordert der Kunde mittlerweile in ppm?
Wunschtraum eines jeden Kunden und auch jeden Fertigers ist eine Null-Fehlerquote – das ist jedoch in der Praxis unrealistisch. Die Anforderungen unserer Kunden schwanken je nach Branche und produzierter Stückzahl. Wir selbst haben uns 50 ppm in der SMD- und 150 ppm in der THT-Fertigung zum Ziel gesetzt.

Das Thema »Qualität« wird von Branche zu Branche also zum Beispiel Medical, Automotive, Consumer, etc. - unterschiedlich gewichtet. Welche Anforderungen muss ein EMS hier berücksichtigen?
Der Unterschied liegt in den Anforderungen an benötigten Zulassungen und Zertifizierungen. Beispielsweise die Betätigungsfelder Medizintechnik, Automotive und Luftfahrt stellen sowohl hohe Anforderungen an die Qualität der Produktions- und Beschaffungsprozesse als auch an das QM-System. Bei allen Segmenten ist die Traceability von Prozess- und Materialdaten ein sehr wichtiger Punkt, um das Risiko zu verkleinern.

Weitere Unterschiede bestehen vor allem im Risikomanagement und in den Anforderungen an die Dokumentationen innerhalb der Fertigung und bei der Prüfung. Darüber hinaus sind die Prozesse zur Freigabe von Fertigungsverfahren, Prüfabläufen und zur Serienfreigabe sehr viel komplexer und anspruchsvoller. Gerade im Bereich der Luftfahrt-EMS sind regelmäßige Audits durch Kunden und Behörden ein wichtiger Bestandteil, um die hohe Qualität der produzierten Elektronik sicherzustellen. Im Bereich der Serviceabwicklung gibt es für den EMS ebenfalls sehr große Unterschiede zwischen der Luftfahrt und der Medizinelektronik  und Automotive. Bei Luftfahrtprodukten muss man zwingend zwischen neuen Teilen – also noch nicht geflogen - und gebrauchten Teilen - im Flugzeug verbaut und bereits geflogen - unterscheiden.

Wie stellen Sie bei TQ die geforderte Qualität im Fertigungsprozess sicher?
Durch kurze Regelkreise in der gesamten Wertschöpfungskette und den Einsatz der richtigen Fertigungstechnologie bzw. des passenden Equipments können wir die Qualität nachhaltig gewährleisten. Ein weiterer Punkt zur Qualitätssicherung ist die konsequente Datenerfassung aller relevanten Produktionsdaten. Dadurch können wir Prozesse statisch kontrollieren und Regelkreise zur Prozessverbesserung können ohne Verzögerungen anstoßen.  
Ein weiterer wichtiger Punkt in der Qualitätssicherung ist die Erfassung aller Materialdaten und der Prozessdaten während der gesamten Produktionskette. Dazu haben wir bei uns im Haus ein durchgängiges Traceability-System implementiert.

Zur Prozess-begleitenden Qualitätssicherung setzen wir auf Shipping-Audits und eine stichprobenartige Analyse von Röntgen- und Schliffbildanalysen, die wir im Qualitätsmanagement selbst anfertigen und auswerten können.

Nicht zu vernachlässigen ist im Übrigen auch die ständige Qualifizierung und Schulung aller Mitarbeiter. Dazu haben wir einen Prozess zur Ermittlung des Schulungsbedarfes, der Schulungsplanung sowie der Auswertung des Schulungserfolges eingeführt. Nur so lassen sich die ständig wachsenden Anforderungen im EMS-Markt überhaupt erfüllen.

Welche Rolle spielt dabei ein MES-System bzw. andere Monitoring-Systeme. Nicht alle EMS-Firmen arbeiten bereits mit solchen Systemen?
In Zukunft wird es immer wichtiger werden, jederzeit alle Daten schnell und transparent zur Verfügung zu haben. Wir arbeiten deshalb mit einem MES-System, in dem alle Informationen zusammenfließen und bei Bedarf schnell zur Verfügung stehen.

Inwieweit hat das Design bereits Einfluss auf die Qualität im Fertigungsprozess?
Das Design entscheidet letztendlich, ob ein Produkt die hohen Qualitätsansprüche der Kunden erfüllen kann oder nicht. Qualität kann vor allem im Entwicklungsprozess durch DFM, DFT und die optimale Bauteilauswahl erfolgen. In eine schlecht designte Baugruppe kann Qualität nur bedingt hineingefertigt oder geprüft werden. Nur mit einem optimalen Design kann man Qualität produzieren. Je früher der Fertigungspartner in das Design eingebunden wird, umso besser kann es auf die vorhandene Fertigungstechnologie angepasst und optimiert werden. Was wiederum Kosten im Fertigungsprozess spart und die Produktqualität stark verbessert.

Ist Qualität ein Wettbewerbsfaktor im »Rennen« mit Billiglohnländern?
Wir können das »Rennen« nur durch hervorragende Qualität in der ganzen Wertschöpfungskette und durch die Nähe zu unseren Kunden gewinnen. Wir bieten unseren Kunden deshalb unsere Expertise nicht nur in der Produktion sondern auch in der Entwicklung und bei der Beschaffung aus einer Hand.

Das Interview führte Karin Zühlke