ROI-Trendstudie Osteuropa: Verlängerte Werkbank war gestern

Die ROI-Trendstudie untersucht Perspektiven osteuropäischer Regionen bis zum Jahr 2020. Die Ergebnisse zeigen, dass ein Standortwettbewerb zwischen chinesischen und osteuropäischen Standorten nur eine untergeordnete Rolle spielt: Die Unternehmen setzen künftig auf die Kombination der jeweiligen Standortvorteile.

Rund 50 Entscheider aus der Industrie haben dabei Thesen zur künftigen Entwicklung von vier Ländergruppen im Hinblick auf Eintrittswahrscheinlichkeit und Auswirkungen auf ihre Geschäftsmodelle bewertet. Die Studie zeichnet das Bild einer Region, die große Potenziale bietet, sich dabei aber mit sehr unterschiedlichen Geschwindigkeiten entwickelt.

Die Bedeutung Osteuropas für deutsche Unternehmen ist unbestritten – als Entwicklungs- und Produktionsstandort, als lokaler Markt mit 350 Millionen potenziellen Konsumenten aber auch als erweiterte ‘Recruiting-Plattform‘ im Kampf gegen den Fachkräftemangel. Da jedoch weiterhin Unsicherheiten hinsichtlich der zukünftigen Entwicklung und Bedeutung Osteuropas, beziehungsweise der einzelnen Länder bestehen, lohnt es sich hier genauer nachzufragen.

Vor diesem Hintergrund hat ROI eine umfassende Trendstudie aufgesetzt und Fachexperten gebeten eine Reihe von Thesen zur Entwicklung Osteuropas bis zum Jahr 2020 aufzustellen. Dabei wurden die Länder der ersten EU-Osterweiterung des Jahres 2004, der zweiten Osterweiterung des Jahres 2007, die (potenziellen) EU-Beitrittskandidaten und ausgewählte GUS-Länder (Russland, Ukraine, Weißrussland und Moldawien) gesondert betrachtet. In einem zweiten Schritt haben mehr als 50 Entscheider aus unterschiedlichen Industriezweigen die Thesen mit Blick auf deren Wahrscheinlichkeit eingeschätzt und zudem bewertet, welchen Einfluss der Eintritt der Thesen auf Ihr eigenes Geschäft haben könnte.

Große Divergenz der Länder und Regionen

Die Studienergebnisse sagen sehr unterschiedliche Entwicklungspfade der Regionen voraus. Die Bedeutung der osteuropäischen EU-Länder (1. und 2. EU-Osterweiterung) als Produktions- und Entwicklungsstandorte für deutsche Unternehmen wird deutlich steigen. Die Arbeitsmarkteffekte der letzten Jahre, wie beispielsweise die schnell steigenden Arbeitskosten in Slowenien und der Tschechischen Republik, scheinen die Aussichten aber auch einzutrüben.

„Aus westeuropäischer Sicht sind auch die geografische und kulturelle Nähe zu Osteuropa von großer Bedeutung.“ kommentiert Hans-Georg Scheibe, Vorstand der ROI Management Consulting AG, die Ergebnisse. „Wir werden deshalb weiterhin ein starkes Engagement deutscher Unternehmen in der Region erleben, das sich sowohl quantitativ als auch qualitativ ausweitet. Osteuropäische Standorte bieten bessere Rahmenbedingungen für den Aufbau adaptiver Produktionsnetzwerke und können kleine Losgrößen, Nachfrageschwankungen und Konstruktionswechsel heute effektiver bewältigen als chinesische Standorte.“ Diese positive Einschätzung gilt jedoch nicht für Länder, in denen mit einer Verschlechterung politischer Rahmenbedingungen oder Instabilität gerechnet wird, wie in Weißrussland, Moldawien und Ungarn.

Eine Sonderrolle in den Zukunftsprognosen nimmt generell Russland ein. Trotz politischer, infrastruktureller und kultureller Hürden gehen deutlich mehr als 90 Prozent der Befragten davon aus, dass die Standortattraktivität des Landes zumindest gleich bleiben wird, 70 Prozent rechnen sogar mit steigender Attraktivität. Die Erschließung der Potenziale die dieses Land bietet, bedeutet damit sicher eine zentrale Herausforderung für die deutschen Industrieunternehmen in den nächsten Jahren.

Kein trade-off zwischen China und Osteuropa

Auch im Hinblick auf ‚Global-Footprint-Überlegungen‘ von Unternehmen bietet die Studie spannende Ergebnisse. So zeigt sich, dass kein unmittelbarer Zusammenhang zwischen Investitions- und Outsourcing-Entscheidungen für China oder Osteuropa erwartet wird. Weder die Rückverlagerung von Fertigungsteilen aus China nach Osteuropa, noch ein Investitionsstopp in Osteuropa zugunsten Chinas gelten bis zum Jahr 2020 als wahrscheinlich. Vielmehr legen die Unternehmen zunehmend Wert auf eine ausgewogene strategische Planung ihrer Produktionsnetzwerke, in denen die jeweiligen Stärken und Schwächen der einzelnen Länder optimal ausbalanciert werden.