Noch fehlen die Standards Ohne Cloud keine Industrie 4.0?

Führende Vertreter der Automatisierungs- und Elektronikindustrie diskutierten beim VDI-Forum über die Industrie 4.0.

Wer Industrie 4.0 nicht nur im eigenen Werk, sondern – dem Grundgedanken entsprechend – entlang der Lieferkette global vernetzt praktizieren will, wird nicht umhin kommen, seine Daten virtuell - zum Beispiel in der Cloud - zur Verfügung zu stellen. Noch fehlen allerdings die Standards.

Auf welcher Ebene werden in der Industrie 4.0 die Geschäftsprozesse ablaufen? Das war einer der zentralen Diskussionspunkte auf dem VDI Forum »Industrie 4.0«. »Die Daten in einer Automation-Cloud vorzuhalten, eröffnet zwar die Möglichkeit völlig neuartiger Geschäftsprozesse, aber dann müssen auch Netzdienstleister und Softwareanbieter in die Industrie 4.0 eingebettet werden«, fordert Dr. Willi Fuchs vom VDI. Denn fertigungsnahe Unternehmensdaten in die Cloud zu stellen, ist zwar innovativ, birgt aber auch Risiken. Aber nicht nur das. Auch Fragen wie »In welchem Land sitzt der Betreiber der Cloud?« und »Wo steht die Hardware—Server-Infrastruktur?« müssen im Vorfeld geklärt werden. Denn es lässt sich kaum ausschließen, dass sich ausländische Regierungen aus fadenscheinigen Gründen Zugriff auf solche Daten verschaffen. Beispiel USA: Dort hat die Regierung durch ein neues Gesetz grundsätzlich das Recht auf alle Daten zuzugreifen, die dort vorgehalten werden. Hier den richtigen Weg zu finden, ist laut Fuchs wohl eine der größten Herausforderungen. »Wir dürfen einerseits unseren Standort nicht durch virtuelle Prozesse gefährden, andererseits müssen wir diese virtuellen Prozesse nutzen, um unseren Standort voran zu bringen.«

In diesem Zusammenhang macht Fuchs aber auch deutlich, dass die Prozesse dafür frühzeitig standardisiert werden müssen. »Wir müssen hier eingreifen, Modelle beschreiben und definieren, um proprietäre Lösungen im Vorfeld zu verhindern. So etwas wie in der funkgestützen Kommunikation darf uns bei Industrie 4.0 nicht passieren!« Laut Prof. Detelf Zühlke, Deutsches Forschungszentrum für künstliche Intelligenz, sei das M2M-Kommunikationsprotokoll OPC-UA zwar schon »ein Lichtblick«, aber auch diese Spezifikation definiert nicht die kritischen Aspekte der virtuellen Datenhaltung in der Cloud. Zwar gibt es zum Thema IT-Sicherheit schon viele Richtlinien und Normen, die aber nicht speziell für die Anforderungen der Industrie 4.0 konzipiert wurden.

Laut Dr. Peter Terwiesch, Vorstandsvorsitzender von ABB, gibt es viele Firmen, die erst einmal den Nutzen besser verstehen wollen, bevor sie entscheiden, welche Daten sie in der Cloud zur Verfügung stellen. Aus Sicht von Terwiesch ist in diesem Punkt in der Tat »noch einiges an Konzeptarbeit zu leisten.« Man könne nicht einfach sagen, die Information sitzt in der Cloud, so Terwiesch, sondern muss sich auch Gedanken über die Vertraulichkeit der Daten machen. »Hier haben wir aber nicht nur technische Themen wie Verschlüsselung zu klären, sondern auch rechtliche Fragen.«

Aber: Die Wege bis zu einer Standardisierung sind lang und steinig, wie Dr. Frank Possel-Dölken weiß, Director Manufacturing Systems von Phoenix Contact: »Insofern fände ich es bedauerlich, wenn wir jetzt erst mal eine Standardisierung abwarten.« Meist entwickeln sich Standards sowieso aus den Anforderungen des Marktes heraus und nicht umgekehrt. Wichtig wäre es – und darin sind sich die Referenten des Kongresses einig –, dass die Unternehmen gemeinsam bereit sind, den Weg in Richtung »Industrie 4.0« zu gehen. »Wir müssen anfangen, Industrie 4.0 umzusetzen und nicht so viel herumreden«, fasst Dr. Eberhard Veit, Vorstandsvorsitzender der Festo AG zusammen. Zum Thema Standards für die Industrie 4.0 hat der VDI/VDE einen Fachausschuss gegründet, der sich erstmals am 26. Februar trifft.

Mehr zum Thema erfahren Sie auch auf dem 1. Markt&Technik Summit »Industrie 4.0«, am 16. Oktober im Konferenzzentrum München. Derzeit läuft der Call-for-Papers. Wenn Sie einen Vortragsvorschlag einreichen möchten: hier geht es zur Webseite.