Interview Obsoleszenz – ein Begriff, zwei Bedeutungen

Ulrich Ermel, Vorstandsvorsitzender der COG Deutschland

In Zusammenhang mit Consumer-Produkten, die bereits kurz nach Ablauf der Garantiezeit ausfallen, ist immer wieder von geplanter Obsoleszenz zu lesen. Gilt das auch fürs industrielle Umfeld? Oder muss hier ein Begriff für zwei völlig unterschiedliche Probleme herhalten? Dazu Ulrich Ermel, Vorstandsvorsitzender der COG Deutschland im Markt&Technik Interview.

Markt & Technik: Die inzwischen teils sehr leidenschaftlich geführte Diskussion um Hersteller, die vermeintlich oder tatsächlich bewusst minderwertigere Komponenten verbauen, um so die Lebenserwartung ihrer Geräte so künstlich zur reduzieren, hat auch den Begriff »Obsoleszenz« ins Blickfeld einer breiteren Öffentlichkeit gerückt. Ein Glückfall für die Anliegen der COG Deutschland?

Ulrich Ermel: Nein, im Gegenteil. Durch die unterschiedlichen Interpretationsmöglichkeiten des Wortes »Obsolescence« im Englischen werden hier unglücklicherweise reife Äpfel und faule Birnen in ein und den gleichen Eimer geworfen. Im Gegensatz zur »geplanten Obsoleszenz« beschäftigt sich die COG Deutschland e.V . vorrangig mit dem Obsolescence Management einzelner elektronischer Bauteile, und zwar für Applikationen mit Laufzeiten von fünf, zehn, fünfzehn und mehr Jahren.

Aufgrund einiger inzwischen extrem schnelllebiger Märkte, ich denke dabei beispielswiese an Smartphones- oder Tablet-Computer und dem rasanten technologischen Fortschritt bei Integrierten Schaltungen - Stichwort System on Chip - haben sich die Produktlebenszyklen vieler Komponenten in den letzten Jahren mitunter drastisch verkürzt. Selbst Generationswechsel innerhalb von nur zwölf oder noch weniger Monaten sind in der Halbleiterei heutzutage keine Ausnahme mehr. Diese Entwicklung stellt Hersteller langlebiger Industriegüter, die mitunter jahrzehntelang die Versorgung mit Ersatzteilen sicher stellen müssen, vor große technische und logistische Herausforderungen, denn wenn ein wichtiges elektronische Bauteil schon nach wenigen Jahren nicht mehr verfügbar ist, kann dies im Laufe einer jahrzehntelangen Gesamtbetriebslaufzeit im schlimmsten Fall immer wieder teure Redesigs erforderlich machen. Die durch immer kürzere Produktlebenszyklen von elektronischen Komponenten bedingte Form der Obsolescence ist zwar für die Betroffenen auch ärgerlich, der gravierende Unterschied zur sogenannten geplanten Obsoleszenz   hierbei ist allerdings, dass die gekauften Bausteine nicht absichtlich nach zwei oder zwei Jahren den Dienst versagen.

Wenn ein Hersteller bewusst Sollbruchstellen in seine Geräte einbaut, um deren Lebenserwartung künstlich zur reduzieren, ist das rechtlich vielleicht legitim, aber ziemlich arglistig. Sind die immer kürzeren Produktlebenszyklen vieler elektronischer Komponenten nicht auch eine Form versuchter Kundenmanipulation seitens der Hersteller?

Nein, einer der Hauptgründe für die immer kürzeren Produktlebenszyklen vieler elektronischer Komponenten sind wie schon gesagt die inzwischen extrem hohen Anforderungen der Unterhaltungsindustrie. Letztlich gibt der Wunsch der Kunden nach immer leistungsfähigeren Smartphone, Spielekonsolen, Tablet-PCs etc. die Taktgeschwindigkeit für die Einführungen neuer Technologien und Produktfamilien vor. Halbleitersteller, die in diesen Massenmärkten mitmischen wollen, können gar nicht anders, als ihre Produktlebenszyklen diesen Anforderungen anzupassen. Damit die für eine Applikation wirklich wichtigen Bauteile möglichst lange verfügbar sind, ist es deshalb heutzutage unumgänglich, ein intelligentes vorausschauendes Obsolescence-Management zu installieren. Ziel der COG Deutschland ist es, Unternehmen bei der Implementierung und der Optimierung eines solchen Obsolescence-Managements zu unterstützen. Die aktuelle öffentliche Diskussion zum Thema »geplante Obsoleszenz« bzw. »eingebauter Verschleiß« hat außer dem Wort »Obsolescence« nichts mit den Interessen und Anliegen unserem Verband gemeinsam. Das hier ein Begriff für zwei in der Sache sehr unterschiedliche Themenblöcke herhalten muss, ist bedauerlich, aber leider von uns nicht zu ändern.