MES-Plattform intraFactory von Kratzer ist kein »Serienprodukt« mehr MES - (k)ein Schreckgespenst?

Kratzer Automation wird seine MES-Plattform intraFactory künftig mangels Profitabilität nicht mehr als »Serienprodukt« anbieten (MES: Manufacturing Execution System). Das Delikate daran: intraFactory galt als eines der besten MES für die Elektronikfertigung. Viele namhafte EMS und OEMs setzen das System ein. Nun stehen die Mitbewerber von Kratzer in den Startlöchern und wollen die Lücke füllen.

Das Problem: Kratzer hatte sein System nach Meinung von Brancheninsidern zu billig verkauft, um sich den Elektronikmarkt in kurzer Zeit zu »erkaufen«. Das ist nun gründlich fehlgeschlagen. 

Die Elektronikbranche gilt als die »Championsleague« für eine MES-Plattform: Die Anlagenanbindungen und der Variantenreichtum stellen die Anbieter vor große Herausforderungen. So haben die Kratzer-Kunden dementsprechend in ein vermeintlich langfristiges MES investiert und nicht in proprietäre Systeme und ihre komplette Fertigung darauf ausgerichtet. Nun müssen sie sich mit kundenspezifischen Weiterentwicklungen zufrieden geben. Förderlich für das Image von MES-Systemen, die besonders bei kleinen und mittelständischen Fertigern aufgrund ihrer Komplexität verbunden mit hohen Investitionskosten oft noch als Schreckgespenst gelten, ist das nicht gerade.

Die Entscheidung von Kratzer kam für viele unerwartet: Noch vor knapp zwei Jahren hat Kratzer Automation mit intraFactory am Traceabilty-Leitfaden des ZVEI mitgewirkt und seine Maschinen-Schnittstelle offen gelegt, die als Standard in den Traceability-Leitfaden eingeflossen ist. Mit der Offenlegung der Schnittstelle wollte Kratzer die Standardisierung in punkto Traceability in der Elektronikbranche vorantreiben und die Eintrittsschwellen für den Kunden so niedrig wie möglich halten, so die damalige Aussage des Unternehmens (Markt & Technik berichtete in Ausgabe 45/2009).

Nun zeigen die Zeichen allerdings in eine andere Richtung: Künftig will Kratzer unter »dem Stichwort intraFactory individuelle MES-Lösungen für die Elektronikindustrie anbieten«, so umschreibt Kratzer die Serien-Abkündigung von intraFactory im Informationsbrief an die Kunden. Während einer  Übergansphase will sich Kratzer vornehmlich um seine Bestandskunden kümmern. Das heißt, dass intraFactory zwar nicht vom Markt verschwinden soll, aber sich das Geschäftsmodell in Zukunft komplett ändern wird: Im Rahmen von Projekten soll sich intraFactory also künftig weiterentwickeln. Ob allerdings ein MES-System, das nur im Rahmen von kundenspezifischen Projekten aktualisiert und funktional erweitert wird, den immens steigenden Anforderungen an die Elektronikfertigung in Deutschland gerecht werden kann, darf bezweifelt werden und ist sicher nicht das, was sich die Kunden bei der Entscheidung für intraFactory vorgestellt haben. Seine Verpflichtungen aus bestehenden Verträgen will Kratzer erfüllen, wie Vorstand Robert Rubner betont: »Wir stehen zu unseren Verträgen und Wartungsverpflichtungen und bieten Erweiterungen auf Projektbasis an.«

Das bedeutet aber im Klartext, dass ein Fertiger die Software-Schnittstellen für alle neuen Maschinen, die er künftig anschafft, z. B. ein neuer Bestücker, eine Lötanlage oder ein AOI-Gerät, etc., extra bei Kratzer in Auftrag geben muss, beklagen Kratzer-Kunden. Auch wenn ein Kunde sein Kratzer MES, wie ursprünglich beworben »modular erweitern« will, kann er das künftig nur noch im Rahmen von kundenspezifischen Projekten beauftragen. Und das ist eigentlich konträr zur Marktentwicklung solcher Produktionssteuerungssysteme:  Denn die Kunden setzen bei MES zunehmend auf »COTS« (Commercial of the Shelves), also Systeme von der Stange, die sie nach einer Implementierungsphase verhältnismäßig einfach erweitern können, wie auch eine kürzlich veröffentlichte Studie von Frost & Sullivan zum Thema belegt.