Kommentar Katerstimmung nach der Sause

Karin Zühlke, Leitende Redakteurin, Markt&Technik schreibt u. a. über Distribution, EMS und Supply Chain

Wachstum und kein Ende? Der knappe Bauteilebestand könnte die Suppe versalzen. Erste Indikatoren dafür gibt es bereits. Wer kein Material hat, kann schließlich nicht produzieren.

die Auftragsbücher der deutschen Industrie sind prall gefüllt und doch hat die Konjunktur im Frühjahr an Fahrt verloren. Der vom Bundesverband Materialwirtschaft (BME) und IHS monatlich erhobene Einkaufsmanager-Index gab um gut zwei Punkte nach und der ifo-Geschäftsklimaindex sank von 115,4 auf 114,7 Punkte. Die Produktion nahm ab und die Lieferzeiten verlängerten sich im März zum dritten Mal innerhalb der letzten vier Monate auf negativem Rekordniveau. Was ist da los?

Die Wachstumsrate ist hierzulande nach wie vor ausgesprochen hoch. Dennoch herrscht Katerstimmung in den Chefetagen und die Aussichten sind nicht mehr so rosig. Also Schluss mit den Höhenflügen der Quartalsbilanzen? Scheint so. Es fehlt zum einen an Personal, um die vielen Aufträge überhaupt bewerkstelligen zu können. Immerhin 60 Prozent der deutschen Industrieunternehmen nennen laut BME den Fachkräftemangel als Risiko für ihre Geschäftsentwicklung.

Kräftig aufs Gemüt drückt schließlich die desaströse Liefersituation elektronischer Komponenten, ohne die viele Industriegüter nicht produziert werden können. Was nützen volle Auftragsbücher, wenn das Material fehlt? Alle Komponenten für eine elektronische Baugruppe derzeit termingerecht an die Fertigungslinie zu bekommen gleicht momentan der Jagd nach dem verlorenen Schatz. Abenteuerliche Beschaffungsmethoden sind keine Seltenheit, um auf verschlungenen Pfaden doch noch das begehrte Bauteil in ausreichender Menge zu ergattern. Einen ungeschminkten Eindruck der Realität im Feld gaben Ihnen die beiden Leserbriefe in der letzten Ausgabe der Markt&Technik.

Während der industrielle Mittelstand in Europa bauteilemäßig auf dem Trockenen sitzt, laufen in Asien zig Millionen smarter Konsumgüter von Apple, Samsung & Co vom Band. Die großen Smart-Devices-Produzenten aus Asien saugen das Material buchstäblich auf; die weltweit florierende Autoindustrie tut ihr Übrigens. Wer Millionen-Stückzahlen benötigt, wird von vielen Bauteileherstellern vorrangig bedient und um den Rest dürfen sich die europäischen Industriefirmen raufen. Wenn Kapazitäten nur zugunsten der Großabnehmer aufgebaut werden, hilft es auch wenig, wenn die Komponentenindustrie in Europa und Deutschland mit Fördergeldern aufgepäppelt wird. Der Mittelstand ist das Rückgrat unserer – noch – starken Wirtschaft. Ihn gilt es mit adäquaten Maßnahmen dabei zu unterstützen, dass er seine Lieferfähigkeit aufrecht erhalten kann. Alleine der Alibi-Hinweis auf freie Marktwirtschaft reicht da einfach nicht mehr.

Ihre