Kommentar Industrie 4.0 oder der Turmbau zu Babel

Karin Zühlke, Markt&Technik
Karin Zühlke, Leitende Redakteurin, Markt&Technik

Was hat der babylonische Turm mit Industrie 4.0 zu tun? Auf den zweiten Blick eine ganze Menge.

Wer mit vielen Menschen gemeinsam etwas (auf-)bauen möchte, sollte möglichst in einer für alle verständlichen Sprache sprechen, damit am Ende auch etwas Sinnvolles dabei rauskommt. Dies bereitete aber bekanntlich schon den Erbauern des babylonischen Turmes Probleme, und das viel zitierte babylonische Sprachgewirr verhinderte letztlich den Bau des Turms.  

So oder zumindest so ähnlich ergeht es gerade der Industrie 4.0, wenn auch hoffentlich mit besserem Ausgang. Das Prinzip der Industrie 4.0 will eine global vernetzte Produktion schaffen, über die Grenzen von Fabriken, Ländern und Kontinenten hinweg. Leider ist es bislang noch nicht mal ansatzweise gelungen, sich auf „eine Sprache“ – sprich Standards in der Kommunikation oder der Datensicherheit – zu einigen. Hinzu kommt der Software-Wildwuchs im produzierenden Gewerbe, der es schwer oder unmöglich macht, heterogene und vergleichbare Daten zu erheben und miteinander zu vernetzen. Für die Industrie 4.0 wäre aber genau das die Voraussetzung.    

Von einer global oder zumindest länderweit vernetzten Produktion bzw. Supply Chain sind wir also in jeder Hinsicht noch ein gutes Stück entfernt. Laut einer Mitgliederumfrage des VDE, aus der das Beratungshaus Steria Mummert Consulting zitiert, wird Industrie 4.0 nicht vor 2025 Realität werden – und auch dann nur, wenn die Kompatibilität unterschiedlicher Datenquellen und -formate bis dahin gelöst ist.   

Es gibt derzeit zahlreiche Arbeitskreise und Standardisierungsbestrebungen, und wie mir ein engagierter Professor kürzlich sagte, zumindest Gespräche mit chinesischen Vertretern zum Thema. Die USA hingegen kochen im Kreis des IIC lieber das eigene Süppchen, sind aber wohl mit dem Versuch, einen Kommunikationsstandard aus dem Militärbereich in der Produktion etablieren zu wollen, erst mal gescheitert.  

Jetzt ruhen die Hoffnungen auf dem Freihandelsabkommen TTIP, das nicht nur dafür sorgen soll, dass die Zölle zwischen der EU und den USA abgeschafft werden, sondern u.a. auch unterschiedliche Standards vereinheitlichen möchte. Eine Chance wäre das allemal und jenseits der Chlorhühnchen-Debatte ein Vorteil von TTIP, den man der Öffentlichkeit guten Gewissens schmackhaft machen kann.

Schmackhaft machen möchte ich Ihnen bei der Gelegenheit das 3. Industrie 4.0 & Industrial Internet Summit am 20. und 21. Oktober im Hotel Ramada an der Messe München. Wenn Sie das Programm aktiv mitgestalten wollen: Der Call-for-Papers läuft ab sofort. Mehr dazu finden Sie auf unserer Veranstaltungswebseite.